"Bei Wind braucht’s Glück"

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Do, 05. März 2020

Skispringen

Skisprungtrainer Rolf Schilli zu den JWM-Chancen von Luca Roth, Claudio Haas und Anna Jäkle.

OBERWIESENTHAL. Der Bakken ist perfekt präpariert. Nur der Stehlift, der hinauf zum Schanzenturm der 100-Meterschanze führt, streikt auf halber Strecke. Doch ein bisschen bergauf laufen sei kein Problem, befindet Skisprung-Landestrainer Rolf Schilli, der im Gespräch mit der BZ die Medaillen-Chancen der jugendlichen Weitenjäger Luca Roth, Claudio Haas und Anna Jäkle einschätzt, die am Donnerstag bei der Nordischen Junioren-Weltmeisterschaft in Oberwiesenthal abheben.

Luca Roth (19) vom SC Meßstetten, der in Hinterzarten lebt und im Schanzenzentrum trainiert, ist der Star im fünfköpfigen DSV-Aufgebot. Vor einem Jahr war der Schlaks der nordische König bei der JWM im finnischen Lahti, gewann Silber im Einzelwettbewerb, Gold mit dem Team und Bronze im Mixed-Wettbewerb. Triumphe, auf die sich Roth "nix einbildet", nicht zuletzt dank Schilli, der den sprungkräftigen Schwaben robust erdete: "Wenn du runter steigst vom Podest, stehst du wie alle anderen im Dreck." Erfolge müssten immer wieder neu und zäh erarbeitet werden: "Was war, zählt nicht." Roth hat in diesem Winter schon hineingeschnuppert in die Weltspitze, zum Auftakt der Vierschanzentournee landete er in Oberstdorf selbstbewusst auf Rang 27. Doch beim Heimspiel auf der Neustädter Hochfirstschanze ging nichts. Nach einem Hüpfer auf den letzten Platz wurde Roth am ersten Tag wegen eines nicht regelkonformen Anzugs disqualifiziert, der zweite Flug über Neustadts Dächer brachte ihm nur Rang 42 ein.

"Ich muss weiter hart arbeiten", erklärte Roth danach selbstkritisch im Gespräch mit der BZ. Dass er springen kann, bewies er jüngst im Continentalcup, der zweiten Skisprungliga, mit einem sechsten Platz im thüringischen Brotterode und den Rängen sechs und acht im italienischen Val die Fiemme. "Luca ist mental sehr stabil", lobt Schilli die Nervenstärke des langen Lulatschs "und klar, er zählt zu den Favoriten". Doch der 106-Meterbakken in Oberwiesenthal gilt als schwierig. "Bei Wind brauchst du Glück", weiß Schilli, in "O-Thal" blase es häufig von hinten, von vorn und von der Seite. Angesichts der Windanfälligkeit des Bakkens sei von den jeweiligen Trainern und der Jury Fingerspitzengefühl und Geduld gefragt.

Claudio Haas (19), Skispringer des Skiteams Schonach-Rohrhardsberg, ist ein Flugtalent mit großer Schwankungsbreite. "Sehr ehrgeizig" sei der Schüler des Skiinternats Furtwangen, der aktuell für das Abitur an der Robert-Gerwig-Schule büffelt. Genialen Höhenflüge folgen immer wieder Beinahe-Abstürze, "Claudios Bandbreite ist enorm". Manchmal wolle der Schonacher zu viel, der im vergangenen Oktober mit frechen Sprüngen bei der DM maßgeblichen Anteil am Gewinn der Silbermedaille des baden-württembergischen Quartetts hatte. "Der Claudio muss die JWM entspannt angehen, dann kann das was Gutes werden", so Schilli. Als DSV-Springer Nummer vier scheint Haas im JWM-Einzelspringen gesetzt, im Teamwettkampf (Samstag, 18 Uhr) will er zusammen mit Luca Roth eine Medaille.

Anna Jäkle (16), die als externe Schülerin am Skiinternat Furtwangen trainiert, wird oft in einem Atemzug mit ihrem Vater Hansjörg genannt. Der Herr Papa, unter Springerkumpels nur "Jackson" genannt, gewann 1994 bei den Olympischen Spielen im norwegischen Lillehammer zusammen mit seinem besten Kumpel Christof "Duffi" Duffner sowie Dieter Thoma und dem Floh vom Fichtelberg, Jens Weißflog, sensationell die Goldmedaille im Teamspringen. Heute ist der Lehrer der Schonacher Dom-Clemente-Schule unverzichtbarer Macher an der Skisprungbasis. Hansjörg Jäkle ist zusammen mit dem St. Märgener Philipp Rießle, der die Nachwuchs-Flugstaffel der "Running Dragons" gegründet hat, unermüdlicher Förderer des Skisprung- und Kombinierer-Nachwuchses im Schwarzwald.

Seine Tochter Anna Jäkle hat von dieser Nachwuchsarbeit profitiert. Anfang Januar startete die 16-Jährige bei den Olympischen Jugendspielen in Lausanne, jetzt ist sie die aktuelle Nummer fünf im DSV-Aufgebot für die Junioren-WM. "Für die Anna geht es bei Null los, ganz ohne Druck", hofft Schilli. Die Chance auf einen Einsatz im Einzelspringen sei gering, Jäkle gilt als Ergänzungsspringerin, eine Wettkampfprognose sei schwierig. "Die Anna soll die JWM genießen und Erfahrung sammeln", sagt Schilli.