Bilder, die die Fantasie anregen

Dagmar Barber

Von Dagmar Barber

Mi, 22. Mai 2019

Emmendingen

Jürgen Giersch zeigt in der Galerie im Tor Bilder von scheinbarer Harmonie und beunruhigenden Spannungen.

EMMENDINGEN. Die Bilder von Jürgen Giersch regen die Fantasie an. Bei der sehr gut besuchten Vernissage in der Galerie am Tor ermunterte er seine Gäste zur freien Interpretation. Viele hatten großen Spaß, ihre Assoziationen, fast schon wie bei einem Wettbewerb, frei zu äußern. Der Künstler kommentierte dies mit Bemerkungen, die alle zum Lachen brachten: "So habe ich eben das Matterhorn direkt mit dem Schwarzwald kombiniert".

"Blumen auf der Bahnstrecke", entstanden 1984, zeigt die schmale Straße, die vom Bahnhof zum Goethe-Gymnasium führt. Giersch war dort viele Jahre Kunstlehrer. Auf der Strecke sieht man von fern einen ICE kommen, damals die absolute Neuheit. Der Maler erklärt, dass die rote Linie am Rumpf zu den roten Ziegeldächern passe, bewusst habe er die Elfenbeinfarbe den Gebäuden angepasst. Am Himmel treiben einige Wolken – ein ruhiger Sommertag. Aber die Heckenrosen, die an der Strecke wuchsen, liegen ausgerissen an und auf den Gleisen. Giersch: "Sie sind Zeichen für das Blut, das hier schon geflossen ist. Die Strecke ist schon damals und bis heute ein Ort der Suizide gewesen." Das Bild scheint wie eine Idylle. Das trügt, denn Giersch will, wie er sagt, an erschreckende Schicksale von Menschen erinnern. Derart versteckte Mitteilungen kommen aus einigen seiner Bilder. Sie enthalten bei scheinbarer Harmonie beunruhigende Spannungen.

Dies gilt auch für "Das Teleskop". Hier sieht man in ein enges Mansardenzimmer und über ein Möbelstück zum Mansardenfenster, aus dem ein Mädchen ins Freie schaut. Es wirkt beklemmend, weil das Möbelstück, ein kompliziert zu faltendes Klappbett, den Blick versperrt. Zugleich erinnert es mit seiner Mechanik an den Aufwand, mit dem in der Enge des Einfamilienhauses an jedem Morgen aufs neue Platz eingespart wurde, den nachts die Schläfer einnahmen. Im Kontrast dazu steht das Teleskop, selbst gebastelt vom 13-Jährigen. Ein Instrument, mit dem Weite und Größe herein geholt werden konnten. Mühsam wie das Herstellen der Linsen für die Optik erscheint auch der Blick ins Freie, zu dem sich die Gestalt am Fenster um die eigene Achse windet. Giersch gibt damit einen Hinweis auf die Schwierigkeiten, mit der sich der junge Mensch aus der Enge des Familienkreises herauswindet.

Aber es geht auch umgekehrt: "Aus der Härte des Alltags in eine opernhafte Scheinwelt." Die Besucher stehen vor dem Bild "Der Bahnhof Emmendingen" von 2008. Giersch erklärt, dass dies ein nüchterner Ort ist, an dem in der Morgenfrühe Schüler und Lehrer überwältigt wurden von der Last des Schultages. In seinem Bild wird er verklärt zur Kulisse einer großen Szene: Unter südlichem Himmel das klassisch geformte Gebäude mit Stufengiebel und Mäander-Ornament, der Gepäckwagen weiß wie eine Hochzeitskutsche, der ferne Schwarzwald hereinragend mit aus den Alpen entlehnten Gipfeln, ein D-Zugwaggon, geformt halb wie ein Zeppelinrumpf und leicht gebogen, als sei er elastisch. Dekoration für die große Oper, worin eine junge Frau die Schleier lüftet von einer geheimnisvollen Ladung, die auf dem Gepäckwagen liegt.

Und doch bleibt die Szenerie an die Realität gebunden: Es gibt das Mäander an der Front des Bahnhofsgebäudes, es gab in den siebziger Jahren den Gepäckwagen auf dem Bahnsteig, es gab die blechernen D-Zugwaggons, den Prellbock, den VW. Für Jürgen Giersch sind dies Mittel zur Verwandlung der Realität. Der Wechsel der Größenordnung, Verschiebungen der Zentralperspektive, Verbiegungen, Stauchungen, Dehnungen begehören dazu.

Am 16. Juni, dem letzten Tag der Ausstellung, gibt es eine kostenlose Führung mit Künstlergespräch ab 15 Uhr.