Getreide

Birlin Mühle in Rheinfelden produziert eritreisches Mehl

Boris Burkhardt

Von Boris Burkhardt

Do, 14. Mai 2020 um 06:34 Uhr

Rheinfelden

Die Degerfelder Birlin-Mühle erweiterte durch einen Zufall vor 20 Jahren ihren Geschäftsbereich in eine sehr spezielle Nische: Sie mahlt Getreide für Äthiopier und Eritreer in Europa.

Nur das geübte Auge erkennt sofort, dass es sich bei den geschwungenen Zeichen auf der Verpackung des Mehls aus der Birlin-Mühle in Degerfelden um die äthiopische Schrift handelt. Diese Schrift wird in Äthiopien und Eritrea für die amharische Sprache, in Eritrea zusätzlich für die Landessprache Tigrinya verwendet. Auf Deutsch steht darüber: Milomehl, Sorghummehl, Teffmehl oder Gerstenmehl.

"Ein Mitglied der eritreischen Gemeinde aus Lörrach kam vor 20 Jahren mit einer Handvoll Sorghumhirse und bat uns, sie zu mahlen", erzählt Peter Birlin, Inhaber und Geschäftsführer des Familienbetriebs. Der Mann habe nicht lockergelassen. Als dann auch der eritreische Händler Alem Araya aus Frankfurt auf sie zugekommen sei, habe die Familie schließlich beschlossen, sich auf die Produktion des Spezialmehls für die ostafrikanische Kundschaft einzulassen.

Jährlich 600 Tonnen Milomehl

Heute mahlt die Birlin-Mühle jährlich etwa 1000 Tonnen im sogenannten Ethnobereich, 600 Tonnen davon allein an Milomehl. Abnehmer sind 6000 Privatkunden und 100 Händler in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Italien, Frankreich, Großbritannien und Skandinavien. Die Birlin-Mühle, erwies sich, hat genau die richtige Betriebsgröße für diese Nische.

Beim Milo handelt es sich um eine Hirse-Art der Gattung Sorghum; weitere Namen sind Mohrenhirse, Sorgho, Dari, Durrakorn, Besenkorn, Guineakorn, Shallu oder Jowar. Milo kommt laut Wikipedia aus Ostafrika, wird heute auch in Südeuropa angebaut und ist weltweit die fünftwichtigste Getreideart nach Weizen, Mais, Reis und Gerste. Die Hirseart Teff oder Zwerghirse ist die wichtigste Getreideart in Äthiopien und wird zu Fladenbrot, Bier und Tierfutter verarbeitet.

"Mittlerweile haben wir auch Vertragsanbau dafür in der Region." Peter Birlin

Schon vor drei Jahrzehnten baute sich die Birlin-Mühle ein Netzwerk im internationalen Handel auf und vertreibt heute global Backsaaten und Getreide sowie neuerdings in der Tochterfirma "Birlin Mühle Nuts & Food Ingredients" jährlich bis zu 3000 Tonnen Haselnüsse aus der Türkei. So sei sie auch an Milo und Teff gelangt: "Mittlerweile haben wir auch Vertragsanbau dafür in der Region", sagt Birlin: "Beim Logistikzentrum Grieshaber wächst zum Beispiel Milo." Der Unterschied zu Weizen oder Gerste sei auch für den Laien sichtbar.

Mittlerweile importiert die Birlin-Mühle auch andere eritreisch-äthiopische Produkte wie Paprikapulver, Rohkaffee, Dagussa oder Fingerhirse zum Bierbrauen, eritreischen Schnaps, Kleesamen und traditionelle Kaffeekannen. Dafür hat sie sogar ein Lagerhaus im Hamburger Hafen angemietet. "Den wenigsten ist bewusst, was wir machen", sagt Birlin.

Ein wichtiges Produkt ist Pferdefutter

Neben diesen Spezialprodukten sichert der Handel mit Futtermittel der Birlin-Mühle das wirtschaftliche Überleben (wir berichteten). Das begann vor rund 40 Jahren mit dem Vertrieb von Milchpulver, Tauben- und Hühnerfutter: "Wir lieferten das an Landwirte aus, zu denen wir eh hinkamen", berichtet Birlin.

Vor mehr als 30 Jahren stieg der Familienbetrieb in den Handel für Pferdespezialfutter ein. Das fahren Mitarbeiter zwischen Waldshut-Tiengen und Freiburg selbst aus. Die Futtermittel machen heute das größte Segment des Betriebs aus; sogar Futter für Bienen und für die Fruchtfliege Drosophila sind beziehungsweise waren darunter.