Bundeswehr fürchtet übereilten Abzug

Ansgar Haase,

Von Ansgar Haase &

Do, 19. November 2020

Ausland

US-Präsident Trump will bis Januar große Teile der US-Truppen aus Afghanistan heimholen / Das besorgt die Nato-Partner.

. US-Präsident Donald Trump hat ohne Absprache mit Deutschland und den anderen Nato-Partnern den Abzug weiterer Truppen aus Afghanistan angeordnet. Bis zum 15. Januar soll die Anzahl der US-Soldaten auf etwa 2500 reduziert werden. Die Alliierten sind alarmiert. Zerstört Trump in den letzten Wochen seiner Amtszeit alles, was in Afghanistan in knapp 20 Jahren erreicht wurde?

» Warum wird die Entscheidung

Trumps als gefährlich angesehen?

Die Truppen der USA und der Nato-Partner unterstützen in Afghanistan die gewählte Regierung. Sollten sie überhastet abgezogen oder stark reduziert werden, könnten die militant-islamistischen Taliban trotz der laufenden Friedensgespräche versuchen, die Chance für eine gewaltsame Machtübernahme zu nutzen. Für die junge Demokratie in Afghanistan wäre eine solche Entwicklung vermutlich der Todesstoß. Zudem droht Afghanistan wieder ein Rückzugsort für internationale Terroristen zu werden. Außenminister Heiko Maas sagt an die Adresse der USA, "dass wir das, was wir bisher erreicht haben, nicht durch überstürzte Handlungen gefährden dürfen".

Welche Folgen hat Trumps

Abzugsbefehl für den Nato-Einsatz?

Das ist noch unklar. Die Nato sagt zwar: "Auch mit weiteren US-Kürzungen wird die Nato ihren Einsatz zur Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte fortsetzen." Militärs räumen aber ein, dass die Truppenreduzierung Auswirkungen auf den Einsatz der Partnernationen haben dürfte. Schon jetzt liegen die Ausbildungsprogramme für die afghanischen Streitkräfte wegen der Pandemie zum größten Teil auf Eis. Zuletzt waren noch zwischen 4500 und 5000 US-Soldaten in Afghanistan im Einsatz. Ein Großteil von ihnen beteiligt sich auch an der Nato-Mission "Resolute Support", deren Stärke zuletzt mit unter 12 000 Soldaten angegeben wurde.

» Was bedeutet die Ankündigung

Trumps für die Bundeswehr?
Der Einsatz in Afghanistan ist der längste und der verlustreichste in der Geschichte der Bundeswehr. Seit 19 Jahren sind deutsche Soldaten am Hindukusch. Zehntausende waren während ihrer Laufbahn einmal in Afghanistan stationiert. 59 deutsche Soldaten kamen dort ums Leben, der größte Teil in Gefechten oder bei Anschlägen. Deswegen sei es für die Truppe wichtig, dass der Einsatz nicht einfach so abgebrochen werde, sondern dass es einen geordneten Rückzug gebe, sagt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Die Soldaten müssten die Gewissheit haben, "dass das, wofür sie gekämpft haben, auch nachhaltig abgesichert werden kann."

Wie viele deutsche Soldaten
sind denn überhaupt noch dort?

Derzeit sind 1200 deutsche Soldaten in Afghanistan. Im Norden des Landes hat Deutschland die Führungsrolle des Nato-Einsatzes "Resolute Support" übernommen. 1000 Soldaten sind im nördlichen Hauptquartier Camp Marmal stationiert, die restlichen verteilen sich auf Kundus, Bagram und die Hauptstadt Kabul.

» Warum führen Deutschland und

die Nato-Partner den Einsatz nicht
einfach ohne die USA weiter?

Dazu sind sie nicht bereit und wohl auch nicht in der Lage. Die Amerikaner sorgen zum Beispiel dafür, dass verletzte Soldaten schnell in Sicherheit gebracht und versorgt werden können. Zudem stellen die USA wichtige Aufklärungsgeräte und Kampfflugzeuge, die bei Angriffen auf Nato-Soldaten schnell eingreifen können. Der Abzug solcher Kräfte könnte also dazu führen, dass die im Land verbleibenden Soldaten gefährdet werden. Das zu vermeiden, ist auch für die Bundesregierung das Wichtigste: "Wie immer die Entwicklung sein wird: Oberste Priorität hat die Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten vor Ort", so Kramp-Karrenbauer.

War nicht ohnehin ein Abzug aller
Truppen bis April 2021 geplant?

Ja, er soll aber nur erfolgen, falls die Taliban Absprachen zu den laufenden Friedensgesprächen einhalten. Dazu gehört, dass die Gewalt im Land spürbar reduziert wird und die Taliban ihre Beziehungen zu anderen Terrororganisationen beenden. Außerdem gilt bei dem Nato-Einsatz seit zwei Jahrzehnten das eiserne Prinzip: "Gemeinsam rein, gemeinsam raus." Die unabgesprochene Ankündigung Trumps wirkt auf die Bündnispartner auch deshalb verstörend.

» Was bedeuten die Ankündigungen

Trumps für die Friedensgespräche?

Seit der Aufnahme der afghanischen Friedensgespräche Mitte September gibt es keine wesentlichen Fortschritte. Eine Waffenruhe lehnen die Taliban ab. Gleichzeitig propagieren sie den Abzug intern als "Sieg über eine Besatzungsmacht". Sollte der Schutz der Amerikaner schwinden, könnten die afghanischen Streitkräfte wieder in die Offensive gehen – sie hatten sich jüngst zurückgehalten. Experten in Kabul befürchten, dass der Konflikt eskalieren und damit auch die Anzahl ziviler Opfer steigen könnte. Dies gefährdet nach Einschätzung von Diplomaten den Friedensprozess. Längst werden Stimmen laut, die eine Neubewertung der Gespräche fordern.

Kann der künftige US-Präsident

Joe Biden die Truppenreduzierung

wieder rückgängig machen?

Ja, aber innenpolitisch birgt der Schritt Risiken. Der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 begonnene Militäreinsatz ist der längste in der Geschichte der USA – und unbeliebt. Mehr als 2000 US-Soldaten sind dort ums Leben gekommen. Für eine Wiederaufstockung der Truppen spricht, dass es für einen US-Präsidenten ein noch größeres Debakel sein könnte, wenn Afghanistan wegen eines überhasteten US-Rückzugs wieder in Chaos und Gewalt versinkt. Aus diesem Grund hatte schon Trumps Vorgänger Barack Obama sein ursprüngliches Ziel aufgegeben, alle US-Truppen aus Afghanistan heimzuholen.