Chronik eines angekündigten Todes

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 20. März 2019

Kino

NEU IM KINO: Douglas Wolfsperger stellt in Freiburg seine Doku über das Ende des Konstanzer Programmkinos "Scala" vor.

Dass ein Dokumentarfilm die Wirklichkeit genau so abbildet, wie sie ist, auch wenn kein Kameraauge draufhält, das glaubt im Ernst wohl niemand mehr. Der 1957 in Zürich geborene deutsche Regisseur Douglas Wolfsperger aber tut gar nicht erst so, als zeige er die Realität unbeteiligt: In seinen Dokus scheinen immer wieder Subjektivität und Parteilichkeit auf, nicht nur in seinem persönlichsten Film "Der entsorgte Vater" (2008) über Männer, denen nach einer Trennung die eigenen Kinder vorenthalten werden.

Auch in "Scala Adieu – Von Windeln verweht" über das Ende des Arthauskinos in der Konstanzer Innenstadt, den er am Samstag in Freiburg vorstellt, zeigt er dieses Herzblut. Kein Wunder, hat der Regisseur im "Scala Filmpalast" doch seine cineastische Sozialisation erlebt. Inzwischen ist das Scala Geschichte, an seiner Stelle öffnete Ende November 2017 der fünfte dm-Drogeriemarkt der Stadt.

Als Wolfsperger anfing zu drehen, war der Bürgerprotest gegen die Schließung des einzigen Programmkinos der Region in vollem Gange, und er lässt ihn ausführlich zu Wort kommen: die Schweizerin, die "einen guten Film pro Tag" will und zu Fuß nach Konstanz kommt, ihr Landsmann, der dafür über die Grenze radelt, Stadttheater-Intendant Christoph Nix, prominenter Mitorganisator des Widerstands, Schauspielerin Eva Mattes, deren erster "Tatort" im Scala Filmpalast Premiere hatte, Filmverrückte und Demonstranten gegen die Verödung der Städte.

Auf der anderen Seite stehen Götz Werner, der einst in Konstanz seine Drogistenlehre absolvierte und heute Chef der größten Drogeriemarktkette Europas ist, sich so gerne kulturaffin gibt, im Zweifelsfall aber die Kinokultur ohne Skrupel dem kommerziellen Kalkül opfert. Und natürlich OB Uli Burchardt (CDU), der noch vor ein paar Jahren schrieb, "dass unsere Gier und unser Geiz eine Wirtschaft geformt haben, die umzufallen droht wie eine Fichtenmonokultur im Orkan", im Falle der Drogerie-Monokultur von Konstanz aber lakonisch meint: "Städte verändern sich. Zum Glück."

Abgesehen davon, dass man in diesem Film statt Wut und Trauer lieber Debatten und Zahlen über die Entwicklung des Kinopublikums gesehen hätte: Wolfsperger hat recht. Auch wenn Schweizer Konsumtouristen noch so scharf auf Babywindeln sind, ist es doch eine armselige Visitenkarte, wenn die Kulturstadt Konstanz ihre Besucher in der historischen Marktstätte mit gleich zwei gigantischen Drogeriemärkten – dm und Müller – empfängt, die auch noch vis-a-vis stehen, als wäre die Toilettenrolle die Pforte zum Glück.

Film ist ein Medium der Kultur, sein Ort das Kino. Aber wie kommt die Generation Netflix dorthin? Haben Arthausfilme in Konstanz jetzt womöglich sogar mehr und jüngere Zuschauer, weil sie nach der Schließung des Scala Filmpalasts heute im Einkaufscenter Lago neben dem Mainstreamkino laufen? Wie überlebt das Kino im 21. Jahrhundert und wie die Vielfalt der Städte? Darüber kann am Samstag debattiert werden.

"Scala Adieu" (Regie: Douglas Wolfsperger) läuft am 23. März um 19. 30 Uhr im Freiburger Kommunalen Kino, danach Gespräch mit dem Regisseur und Roland Jerusalem, ehemals Stadtplaner Konstanz, heute Freiburg.