Kino

Clint Eastwoods "Cry Macho": Ein alter Cowboy voll Stärke und Fragilität

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 21. Oktober 2021 um 21:23 Uhr

Kino

Der Hut sitzt fest auf dem Kopf: In "Cry Macho" spielt der 91-Jährige Clint Eastwood einen ehemaligen Rodeo-Star. Selbst hochbetagt, bringt er die richtige Mischung zwischen Stärke und Fragilität mit.

"Du bist zu spät" sagt der Chef zu Mike. Der wird von Clint Eastwood gespielt, und für ihn ist es bekanntlich nie zu spät, noch einmal einen Film zu drehen. 91 ist er jetzt und blickt auf 66 Dienstjahre in Hollywood zurück. Achtzehn Regiearbeiten hat Eastwood allein in den letzten zwei Jahrzehnten abgeliefert, und manchmal tritt er auch noch selbst vor die Kamera. So wie jetzt in "Cry Macho".

Der Cowboyhut sitzt immer noch fest auf dem Kopf. Das Hemd flattert im Wind um den hageren Körper. Der Gang wirkt etwas hüftsteif, aber das könnte auch zur Rolle gehören. Denn Eastwood spielt hier einen ehemaligen Rodeo-Reiter, dessen Karriere bereits in jungen Jahren durch einen Sturz ein jähes Ende nahm. Frau und Kind hat er bei einem Autounfall verloren. Alkohol und Drogen kamen hinzu. Der Job auf der Pferde-Ranch hat ihn gerettet. Aber damit ist jetzt Schluss.



"Du bist für niemanden ein Verlust" sagt Howard (Dwight Yoakam) und feuert ihn, nur um ein Jahr später wieder vor seiner Tür zu stehen. Mike soll nach Mexiko und Howards Sohn über die Grenze in die USA bringen. Der Dreizehnjährige werde von seiner Mutter misshandelt und drohe auf die schiefe Bahn zu geraten. Mike lässt sich widerwillig auf den Auftrag ein, weil er dem früheren Boss mehr als einen Gefallen schuldet. In Mexico City hat die wohlhabende, einflussreiche Mutter (Fernanda Urrejola) keine Ahnung, wo sich ihr Sohn herumtreibt. Beim illegalen Hahnenkampf findet Mike ihn.

"Man darf niemanden vertrauen", sagt Rafo (Eduardo Minett), der lieber auf der Straße als zuhause lebt, wo die Liebhaber der Mutter ihn grün und blau schlagen. Der Junge will ein echter Macho werden, und "Macho" hat er auch seinen Kampfhahn getauft, den er immer bei sich hat. Dennoch willigt er ein, mit Mike zu seinem Vater nach Texas zu gehen, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Aber die Mutter setzt ihre Bodyguards und korrupte Polizisten auf die Flüchtigen an, und so nimmt ein moderat abenteuerliches Roadmovie seinen Lauf.

Clint Eastwood bleibt bis zum Schluss ein echter Kerl

Es gibt die ein oder andere Verfolgungsjagd, ein paar brenzlige Situationen, aber hauptsächlich geht es in "Cry Macho" um die Annäherung zwischen dem alten Mann und dem Jugendlichen. "Dieses ganze Macho-Ding wird überbewertet", sagt Mike zu Rafo – und dass es ihm damals als jungem, dummem Rodeo-Reiter nur Unglück gebracht habe.



Da schmunzelt ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte mit. Denn bis heute gibt es wohl kaum einen Schauspieler, der das Bild des Machos stärker geprägt und zugleich unterminiert hat als Eastwood. Dazu passt, dass das Drehbuch nach dem Roman von N. Richard Nash auch schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Anfang der 80er hatte man Eastwood bereits die Rolle angeboten. Der damals Fünfzigjährige hielt sich noch zu jung für den Part und drehte lieber noch einen "Dirty Harry"-Film. Von Robert Mitchum bis Arnold Schwarzenegger waren einige Alpha-Männer im Gespräch, aber das Projekt kam nie zustande.

Zum Glück, denn der Eastwood von heute bringt als hoch betagter Cowboy genau die richtige Mischung zwischen Stärke und Fragilität mit. Dabei tut der alte Mann, wenn es darauf ankommt, immer noch das, was getan werden muss: den Gegner mit einem gezielten Faustschlag oder vorgehaltener Pistole in die Flucht zwingen, Autos und eine alte Jukebox reparieren, Pferde satteln, Tiere verarzten und das Herz einer mexikanischen Cantina-Besitzerin mit seiner Aura der Verlässlichkeit zum Schmelzen bringen. Auch wenn er kein Macho sein will – ein echter Kerl war, ist und bleibt Clint Eastwood eben bis zum Schluss.
"Cry Macho" (Regie: Clint Eastwood) läuft in Freiburg, Basel und Villingen-Schwenningen. Ab 12.