Miteinander

Das Bild von Arbeit als Pflichterfüllung greift deutlich zu kurz

Klaus Nack

Von Klaus Nack (Lörrach)

Mi, 20. Mai 2020

Leserbriefe

Zu: "Existenzielle Befürchtungen", Leitartikel von Karl-Heinz Fesenmeier (Politik, 30. April)
In seinem Leitartikel beschäftigt sich Karl-Heinz Fesenmeier mit den Begriffen "Arbeit", "Arbeitsmarkt" und deren prekärem Status in diesen Tagen. Leider vereinfacht er die Materie in fataler Weise, schlimmer noch: Er kramt längst überwunden geglaubte, verhängnisvolle Bilder von Arbeit wieder hervor.

"Pflichterfüllung gegenüber der Gesellschaft, dem großen Ganzen" ist ein Bild von Arbeit, das in gefährlicher Nähe zu denen zweier erfreulicherweise untergegangener totalitärer Regime in Deutschland steht: Dienst für die "Volksgemeinschaft" oder als "Werktätiger" für die realsozialistische Gesellschaft. Nicht zu vergessen die vom Himmelreich entkoppelte protestantische Arbeitsethik, die Arbeit als Pflicht darstellt, deren Sinn und Zweck nicht zu hinterfragen sei. Auf dem gedanklichen Humus kann kein zukunftsfähiges Leitbild von Arbeit entstehen.

Mein Vorschlag: Ersetzen wir den Begriff "Arbeit" durch "Tätigkeit". Leben, auch menschliches Leben, kennzeichnet sich unter anderem durch das Merkmal der Aktivität. Menschen wollen in aller Regel etwas tun; wenn möglich sogar etwas in ihren Augen Sinnvolles. Da greift das Bild der Pflichterfüllung deutlich zu kurz, reduziert es menschliches Tätigsein auf das gedankenlose Tun von Ameisen oder Bienen. Was wir stattdessen brauchen, sind eine Zielrichtung und ein Rahmen menschlicher Tätigkeit, die Sinn und Sicherheit stiften. Sinn würden beispielsweise die "Ziele für nachhaltige Entwicklung" der Vereinten Nationen stiften und Sicherheit beispielsweise ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Was uns die derzeitige Krise ebenfalls ins Bewusstsein ruft, ist die Diskussion um systemrelevante Berufe: Welche tragen denn elementar unsere Gesellschaft? Dürfen wir diese Sparten den freien Kräften des Marktes überlassen? Der Mensch braucht keine Arbeit; er braucht sinnvolle Tätigkeit, die unserem Gemeinwesen dient, ohne dabei die Grundlagen unserer Existenz zu gefährden. Durch diese Akzentverschiebung könnten wir einen Beitrag dazu leisten, "existentielle Gewissheiten" und "ungetrübte Zuversicht" wieder herzustellen. Klaus Nack, Lörrach