Das Erbe von Generationen

Julia Kilian

Von Julia Kilian (epd)

Do, 11. August 2022

Kino

NEU IM KINO: "Alcarràs" erzählt vom Ende eines Familienbetriebs.

Pfirsichbäume, so weit das Auge reicht. Wind, der durch Blattwerk raschelt. Immer wieder verweilt der Blick auf der Schönheit dieser Obstplantage in Alcarràs im Nordosten Spaniens. Seit Jahrzehnten werden hier von der Familie Solé Pfirsiche angebaut. Es ist ein hartes Geschäft, die Existenzgrundlage von drei Generationen. Doch die Tage der Plantage sind gezählt: Nach der letzten Ernte sollen die Bäume einem Solarpark weichen – das Land ist vor Jahrzehnten per Handschlag übergeben worden, es gehört der
Familie nicht.

"Alcarràs – Die letzte Ernte" gewann überraschend den Goldenen Bären bei der diesjährigen Berlinale. Überraschend, weil das langsam erzählte Familienporträt kein kontroverser Film und nur in Ansätzen politisch ist. Das Interesse von Regisseurin Carla Simón ("Fridas Sommer") richtet sich auf die generationenübergreifende Dynamik der Großfamilie und die landwirtschaftliche Arbeit, was auch den Reiz des Films ausmacht. Simóns eigene Familie bewirtschaftet eine Obstplantage in Spanien. Für ihren zweiten Langfilm hat Simón in verschiedenen Dörfern ein fabelhaftes Laienensemble gecastet. Sie verkörpern glaubwürdig ein heutzutage seltenes familiäres Gefüge, bei dem mehrere Generationen zusammen leben und arbeiten.

Die innerfamiliären Konfliktlinien verlaufen dabei entlang der Generationen und der Geschlechter. Großvater Roger (Albert Bosch), der nicht fassen kann, dass der Handschlag von einst nichts mehr wert sein soll. Quimet (Jordi Pujol Dolcet), der die Plantage aktuell bewirtschaftet, verweigert sich der Realität, lässt seine ohnmächtige Wut an der Familie aus. Beide sind gebrochene Patriarchen. Quimets Kinder – Rogelio (Josep Abad) und Mariona (Xènia Roset) – stehen dagegen für eine Generation im Aufbruch, die noch keine Pläne für die Zukunft hat. Vor allem Mutter Dolors (Anna Otin) hält die Familie und den Betrieb zusammen. Sie sucht nach Optionen für die Zukunft, greift den Männern unter die Arme oder verpasst ihnen eine Ohrfeige, wenn sie durchdrehen.

Die dokumentarisch anmutende Kamera von Bildgestalterin Daniela Cajías ist immer mittendrin im Geschehen und bewegt sich wie ein weiteres Familienmitglied durch die Szenen. Selten sind nur einzelne Hauptfiguren zu sehen. Diese Nähe vermittelt – wenn es zu Konflikten kommt – eine gewisse Enge, in den harmonischen Momenten liebevolle Geborgenheit. Die langen Einstellungen, die die Plantage menschenleer im Panorama zeigen, wirken dabei wie der Versuch, eine Gegenwart festzuhalten, die im Augenblick ihrer Betrachtung schon im Begriff ist zu vergehen.

Neben dem Nukleus Familie greift "Alcarràs" auch gesellschaftskritische Themen auf. So liegt in der erzählerischen Entscheidung, die Plantage einem Solarpark weichen zu lassen, eine subtile Botschaft. Simón erinnert uns daran, dass die erneuerbaren Energien Platz brauchen und Menschen unter dem Strukturwandel leiden werden. Für individuell Betroffene spielt es keine Rolle, ob ihr Zuhause Solarpaneelen oder einem Braunkohletagebau weichen muss. Simóns Film ist auch ein Statement dafür, dass es ein Ende, mit dem alle glücklich sind, nicht geben kann.

"Alcarràs – Die letzte Ernte" (Regie: Carla Simón) läuft in Freiburg. Ab 6.