Vom Wohnzimmerstudio in die Welt

Julia Stulberg

Von Julia Stulberg

Do, 11. April 2019

Der gute Ton (fudder)

Die Online-Plattform Blackforest Experience Radio aus Durbach macht rund um die Uhr Musik – zu Besuch bei einer ihrer Live-Shows.

Ihre Adresse gibt es nur auf Anfrage: Das Online-Radio Blackforest Experience sendet aus Durbach. Seit einem Jahr kann man elektronische Musik und DJ-Shows rund um die Uhr online und über App empfangen. Das Team, bestehend aus sechs Offenburger DJs, will die Elektro-Szene in der Ortenau stärken.

Ein typisches Wohngebiet in der Ortenau. Dezente Einfamilienhäuser mit großen Vorgärten, dahinter erstrecken sich Reben und Äcker. Das ist Durbach, eine Ortschaft, die malerisch an der Badischen Weinstraße liegt. Eines der Häuser ist minimalistischer als die anderen. Drinnen wohnt Lucas Glasmacher. Neben seinem Schlafzimmer befindet sich ein Studio, aus dem er mit fünf weiteren DJs alle drei Wochen die Radioshow Roundtrip für den Online-Radiosender Blackforest Experience Radio, kurz BFX, sendet. In dem knapp 20 Quadratmeter großen Raum steht ein DJ-Pult, daneben Bildschirme und Mischpulte voller Regler und Knöpfe. Mit diesem Zimmer und dem Radiosender wollten Glasmacher und seine DJ-Freunde vor einem Jahr dem Clubsterben in der Region etwas entgegensetzen.

Im November 2017 lernte Lucas Glasmacher die beiden DJs Moritz Bannwarth und Jonas Baus kennen. Kurz darauf gründeten sie das Online-Radio-Kollektiv BFX. Die drei Offenburger Disc-Jockeys verband die Leidenschaft für elektronische Musik. "Wir wollen mit unserer Show den Club ins Wohnzimmer bringen", sagt Baus. Mit BFX wollten sie die Elektro-Szene im Schwarzwald stärken und eine Plattform für regionale Talente schaffen.

Alle drei Wochen gibt es Live-Radioshows

Ein Radiosender mit Online-Shows – von Locals für Locals sozusagen. Glasmacher, der selbst jahrelang hinter den Kulissen bei einem Radio-Sender tätig war, bevor er sich mit seinem Reisebüro selbstständig machte, brachte die technischen Grundlagen der Radioproduktion ins Team. Website, Programm, App: Die Infrastruktur hat die Crew in Eigenregie auf die Beine gestellt. Sechs Monate nach dem Kennenlernen konnten sie schon an den Start gehen.

Für die drei Crew-Mitglieder ist das Projekt schnell zu einem Hobby geworden, das viel Zeit beansprucht. Da jeder der drei Gründer einen Hauptberuf hat, haben sie sich entschieden, drei weitere DJs aus Offenburg und Umgebung ins Boot zu holen. Über Soundcloud wurden sie auf Frank Buchholz, Steven Röck und Lukas Dörflinger aufmerksam.

Das Radioprogramm der nun sechsköpfigen Crew ist nur im Internet zu hören, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Die Hörer erwarten Sets und Shows der Stamm- und Gast-DJs sowie Podcasts. Die Radioshows, die alle drei Wochen aus dem Studio live übertragen werden, können online nachgeschaut werden. "Wir wollten die Gesichter hinter der Musik zeigen", sagt Lucas Glasmacher.

Mittlerweile hat sich BFX etabliert. Im Schnitt hören das Programm mehrere hundert Menschen. Zu den Zuhörern gehört, laut Angaben der Macher, eher die jüngere Generation, aber auch ältere Techno-Hasen, die lieber die Szene von ihrem heimischen Sofa aus mitverfolgen. Ein weiteres ihrer Formate ist der "Techno-Talk" von DJ Adriano Russo, eigentlich Adrian Ruschel, der seit 1999 elektronische Musik im Südwesten Deutschlands verbreitet. In seine Sendung lädt er DJs ein und spricht mit ihnen über die Entwicklung der elektronischen Clubmusik. Im Anschluss legen die DJs auf. Die Aufnahmen der Live-Shows werden auf Facebook mehrere tausend Mal geklickt. BFX kooperiert auch mit regionalen Clubs, wie zum Beispiel dem Circle in Offenburg. Gemeinsam mit Hitradio Ohr sendeten sie vergangenes Jahr live vom Kamehameha Festival in Offenburg – online und über UKW-Frequenz.

Zu Besuch bei der Radioshow, 18 Uhr. Die roten Lichter der Mikrofone gehen an. Sie signalisieren den Gästen, dass die Übertragung beginnt. Das Besondere: Roundtrip ist nicht nur Live-Show, sondern auch eine Art Wohnzimmer. Zwischen Hausschuhen und Omas Stricksocken huscht die Hauskatze durchs Studio. Getränke und Schalen voller Knabbereien stehen auf Tischen. Die Gäste plaudern über ihren Alltag. An den Wänden sind Kameras befestigt. Deren Aufnahmen werden live übertragen, Lucas Glasmacher steuert, was online gezeigt wird.

Die Crew präsentiert am liebsten Talente aus der Region. Jeder Künstler, der eine Verbindung zum Schwarzwald hat, ist willkommen. So auch der erste DJ des Abends, Felix Plazek. Der Freiburger lebt zwar inzwischen in Hamburg, legt aber regelmäßig im Hans-Bunte-Areal und im Drifters in Freiburg auf. Für ihn ist BFX eine "fette" Plattform, die wichtig für die Subkultur ist. "Man merkt, dass es für die Crew eine Herzensangelegenheit ist. Es zeigt, dass die Leute immer noch Bock auf Techno haben", sagt er. "Außerdem habe ich noch nie auf so sauberem Equipment gespielt", sagt er lachend.

Um den Ort macht das Team ein Geheimnis. Kaum jemand weiß, wo das Studio liegt. Die genaue Adresse wird nur auf Anfrage herausgegeben. Wer bei einer Show dabei sein möchte, kann sich per Mail anmelden.

Vier Stunden später, 22 Uhr. Mittlerweile ist das Studio voller Technofans. Die meisten sind regelmäßige Gäste und Zuhörer. "Wir kommen gern hierher, weil die Atmosphäre so familiär ist", sagt ein Gast Anfang 20. Alle sind der Meinung, dass man diese Plattform unterstützen soll. Der zweite DJ des Abends, Hannes Lohrer, beendet seine Show gerade. Der gebürtige Ortenauer und Wahl-Berliner war lange Stamm-DJ in dem früheren Freiburger Club Schmitz Katze. "Das ist ein echt cooles Studio", antwortet er, "es fühlt sich an wie eine warme Blase".

Vom Studenten bis zum Reisebüroleiter

Für Außenstehende mögen die sechs Teammitglieder wie verschiedene Individuen wirken, eine heterogene Gruppe. Vom fleißigen Studenten bis hin zum Geschäftsleiter eines Reisebüros – unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Doch die Crew wirkt wie ein eingespieltes Team. Jedes Mitglied soll eigene Ideen und Konzepte in das Programm einbringen, Entscheidungen werden im Plenum gefällt. Auf die Frage, wie sie sich in vier Worten beschreiben würden, antwortet Frank Buchholz sofort: "Ein verrückter Haufen Musikfreaks".

Blackforest Experience gibt’s auf          blackforest-experience.live