Das schönste Streichinstrument

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 26. September 2022

Klassik

Klarinettenquintette beim Festival Endinger Notenlese.

Ja, es weht ein Hauch von Elphi oder Zirkus Karajani durch den großen Saal des Endinger Bürgerhauses: in der Mitte das Podium mit den Musikerinnen und Musikern, zu vier Seiten drum herum das Publikum. Und das ist in großer Zahl erschienen – Kilian Herolds kleines, feines Festival "Endinger Notenlese" beweist auch in seinem dritten Jahrgang enorme Anziehungskraft. Der Freiburger Klarinettenprofessor stellt in seiner Heimatstadt, unterstützt vom Musikforum Kaiserstuhl, unter Beweis, dass klassische Programme kein Privileg der Großstadt sein müssen.

Die inhaltlichen Ingredienzien: drei Konzerte, jeweils flankiert von einem kurzweiligen und informativen Talk unter Musikern, und ein dramaturgisch fein gesponnenes Programm. Leitmotiv – "Veränderungen". Und das spielte auch beim besuchten zweiten Abend mit Herold und dem Armida Quartett eine zentrale Rolle spielte: Stichwort Variationen. Sowohl Wolfgang Amadeus Mozarts wie auch Max Regers Klarinettenquartett, jeweils in A-Dur, münden in einen Variationssatz. Die Musik des eigenwilligen Oberpfälzers mutete schon aus zeitgenössischer Perspektive wie ein Abgesang auf ein ganzes Zeitalter an – die Bezüge zu Mozart und auch zum Klavierquartett von Johannes Brahms sind evident.

Und dennoch ist die mentale Verfassung der Musik in diesen beiden Schlusssätzen eine andere – was die Interpretation ungemein plastisch macht. Wie schon im vorausgegangenen Largo durchzieht Regers Finale eine latente Melancholie, selbst jede noch so quirlige, mit Arabesken angereicherte Variation vermag nicht über die elegische Grundstimmung hinwegzutäuschen. Martin Funda und Johanna Staemmler (Violinen), Teresa Schwamm-Biskamp (Viola) und Peter-Philipp Staemmler (Violoncello) musizieren das in klanglicher Dezenz, maximal durchhörbar, luzide, etwa in der herbstlichen Piu lento-Variation. Und Kilian Herolds Ton vermischt sich mit den Streichern voller dynamischer und artikulatorischer Raffinesse – so dass man fastmeinen möchte, die Klarinette sei das schönste aller Streichinstrumente...

Bei Mozarts Opus ist der Klarinettist mehr Solist, in dieser Interpretation ganz klar als Primus inter pares, und wieder fasziniert die kammermusikalische Spielfreude und Reife: Einer für alle – alle für einen – ach hätten die Komponisten das mit erleben dürfen!