Das Sterben der Tiere

Hanna Gersmann und dpa

Von Hanna Gersmann & dpa

Mi, 31. Oktober 2018

Panorama

Heute gibt es weltweit 60 Prozent weniger Wirbeltiere als 1970.

Fische, Vögel, Säugetiere, Amphibien und Reptilien werden rapide weniger. Der Bestand an Tieren ist von 1970 bis 2014 um 60 Prozent zurückgegangen, jedes Jahr im Schnitt um zwei Prozent. Dazu schrumpfen die Wälder. In den vergangenen 50 Jahren verlor der Amazonas-Regenwald fast ein Fünftel seiner Fläche. Jahr für Jahr werden zudem Millionen Tonnen Fisch gefangen, ohne dass es genügend Nachwuchs gebe. Schätzungsweise 90 Prozent der Meeresvögel tragen Plastikteilchen in ihrem Körper.

Die Natur ist in schlechtem Zustand. Die Menschheit verschlingt immer mehr Ressourcen, ihr ökologischer Fußabdruck wird permanent größer. Im neuen, knapp 150 Seiten dicken "Living Planet Report", den der Umweltverband WWF (World Wide Fund For Nature) am Dienstag in Berlin vorgestellt hat, ist das so schonungslos dokumentiert wie selten.

Der Report ist eine Art Gesundheitscheck der Erde. Seit 1998 erscheint er alle zwei Jahre, das neueste Datenmaterial ist jeweils 4 Jahre alt. Daran beteiligt sind nicht nur der WWF, sondern auch Global Footprint Network und die Zoologische Gesellschaft London. Die Fachleute zählen Gnus in der Savanne, beobachten mit Kameras die Wege von Tapiren im Amazonas-Regenwald, erkunden, ob Tiere an andere Orte wandern oder vom Aussterben bedroht sind. Insgesamt berücksichtigen sie wissenschaftliche Daten zu mehr als 16 700 untersuchten Populationen von mehr als 4000 Wirbeltierarten weltweit. Und sie zeigen: Der Ressourcenhunger der Menschen übersteigt die Belastbarkeit der Erde. Der Mensch habe die Erde bislang "stärker verändert als alle anderen Lebewesen". Dabei gebe es Homo sapiens erst seit gut 200 000 Jahren, verglichen mit dem Alter der Erde, 4,5 Milliarden Jahre, also nur einen "klitzekleinen Augenblick". Die Zeit seit den 1950er Jahren sei eine der "großen Beschleunigung".

Als Beispiele für Tiere, deren Bestände schrumpfen, nannte WWF-Experte Günter Mitlacher etwa den Irawadi-Delphin, die Feldlerche, das Rebhuhn und den Stör. Hierzulande sind laut WWF durch "monotone Agrarlandschaften" vor allem Wiesenvögel, Frösche, Wildbienen und Schmetterlinge betroffen. Der Report selbst gibt allerdings zur Entwicklung bei Insekten keine Auskunft. Er beruht auf Daten von 4000 Vögel-, Säugetier-, Reptilien-, Fisch- und Amphibienarten weltweit, untersucht wurden 16 700 Wirbeltier-Populationen.

Vor allem der menschliche Konsum sei Treiber hinter der Zerstörung von Lebensräumen, sagte Jörg-Andreas Krüger vom WWF in Berlin. Die Folgen des deutschen Lebensstils bekämen oft Regionen wie Südamerika, Afrika und Asien zu spüren. Zum Beispiel indem dort Wälder abgeholzt und Flüsse verschmutzt werden. "Unser Lebensstil ist wie Kettenrauchen und Komasaufen auf Kosten des Planeten", so Krüger.

In Zahlen drücken das die Autoren so aus: Der menschliche Verbrauch an natürlichen Ressourcen liege jährlich 70 Prozent über der Menge, die sich im gleichen Zeitraum wieder regenerieren könne. Anders ausgedrückt: Die Menschen leben so, als hätten sie 1,7 Erden zur Verfügung.

Unter dem Strich ist laut WWF ein neuer Tiefpunkt beim weltweiten ökologischen Gesundheitszustand erreicht. Die Experten betonten aber auch, dass die Trendwende noch machbar sei. "Das ist kein Weltuntergangsszenario", sagte Krüger. Wichtige Schritte seien vorgedacht, etwa in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und im Pariser Klimaschutzabkommen. Diese Ziele müssten bis 2030 aber auch umgesetzt werden, die Weichen dazu sollten laut WWF bald gestellt werden. "Wir können nicht noch einmal zehn Jahre warten", sagte Krüger.

Verschlechtern sich die Perspektiven weiter, so sei mit verstärkter Abwanderung von Menschen aus Afrika in Richtung Europa und aus Mittel- nach Nordamerika zu rechnen, sagte Mitlacher. Er rechnet deshalb mit wachsendem Druck der Menschen, die Lebensbedingungen zu verbessern. Dazu gehöre der Schutz der Ökosysteme.