"Das wird spannend"

st, rix

Von st, rix (DPA)

So, 21. Februar 2021

Südwest

Während Virologen eine dritte Coronawelle für möglich halten, öffnet das Land Schulen für Grundschüler und Abschlussklassen.

Für die Landesregierung ist es ein Déjà-Vue-Erlebnis: Kaum hatte man sich im Januar zum Kompromiss durchgerungen, Kitas und Grundschulen aus dem Lockdown zu entlassen, musste sie wegen Corona-Mutanten in einer Freiburger Kita den Rückzug antreten. Am Montag soll es nun einen neuen Anlauf geben. Doch jetzt warnen Virologen vor einer dritten Welle durch die hochansteckenden Virus-Varianten.



Die Zahl der mit Corona Neuinfizierten macht Hoffnung. Am Donnerstag meldete das Gesundheitsamt für Freiburg 13 Neuinfizierte, für den Landkreis Emmendingen sogar nur 8. Dass man sich vor Kurzem noch über die nicht schlüssig zu erklärenden überhöhten Werte in der Ortenau oder Ende des vergangenen Jahres im Landkreis Lörrach Sorgen machte, ist vergessen. Die Ortenau meldete am Donnerstag 36 Neuinfizierte und der Landkreis Lörrach 21. Die Sieben-Tage-Inzidenz in beiden Landkreisen nähert sich dem neuen Schwellenwert von 35, in den Landkreisen Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald sowie in Freiburg ist die 35 längst unterschritten. Was spricht also gegen Lockerungen in Schulen, im Handel, in der Gastronomie?

Vor allem die warnenden Stimmen von Experten vor der steigenden Anzahl von Virusvarianten. "Die Befürchtung ist, dass wir am Beginn einer neuen Welle stehen", sagte der Freiburger Virologe Hartmut Hengel der Badischen Zeitung. Ob sie tatsächlich komme, könne aber niemand hundertprozentig vorhersagen. Was man aber sagen könne, so Hengel, ist, dass "wir mit der B.1.1.7-Variante aus England vor einer neuen Phase in der Auseinandersetzung mit dem Virus" stehen. Diese Variante gilt als deutlich ansteckender als die Ursprungsform des Virus. Das Robert-Koch-Institut geht inzwischen davon aus, dass sich die Zahl der mit der Mutante infizierten Menschen jede Woche verdoppelt.

"Das Virus gibt nicht einfach auf", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn am Freitag. So gerne man beim Weg aus dem Corona-Lockdown ein Vorgehen nach dem Motto "Schritt eins, eine Woche später Schritt zwei" hätte, sei dies aber nicht möglich, machte Spahn deutlich. "Der Automatismus geht nicht. Wir müssen schauen, was Schritt eins mit sich bringt, ob wir es weiterhin unter Kontrolle behalten oder ob wir dann lieber mit Schritt zwei warten." Spahn warb stattdessen für ein differenziertes Vorgehen für Landkreise, deren Inzidenz schon sehr niedrig sei. Doch was heißt das jetzt für die Grundschulen und Abschlussklassen, die ab Montag wieder den Präsenzunterricht aufnehmen sollen? Dort ist teils eine Verunsicherung zu spüren.

Wenn Sandra Kieber, Schulleiterin der Freiburger Paul-Hindemith-Schule und geschäftsführende Schulleiterin für die Grundschulen in der Stadt, über den Schulstart spricht, dann zieht sie den Vergleich zu einem großen Puzzle: In den vergangenen Tagen habe man lange puzzeln müssen, um sowohl den Fernlern- und den Präsenzunterricht als auch die Notbetreuung zusammen zu bekommen. Besonders schwierig sei es für die Schulen, die viele Kinder in der Notbetreuung haben, denn die verschlinge viele personelle Ressourcen. Viel Organisation, für wenig Unterricht: An den meisten Grundschulen sind die Kinder aufgrund des Wechselmodells nicht länger als zehn Stunden in zwei Wochen in der Schule. Das stößt bei einigen Eltern auch auf Unverständnis.

David Weber, Schulleiter der Lörracher Albert-Schweitzer-Schule – die Schule ist eine dreizügige Gemeinschaftsschule mit Grundschule –, erzählt, dass ihn und sein Kollegium das Maskenthema vor dem Schulstart umtreibe. "Wir appellieren an unsere Grundschullehrkräfte, dass sie eine Maske im Unterricht tragen", sagt er. Müssen tun sie das nicht.

61,4 Prozent Freiburger Eltern begrüßen Öffnung

Auch für die Grundschulkinder gibt es keine Maskenpflicht. Ob das nicht sinnvoll wäre, jetzt, wo sich die schnellansteckenden Virusmutationen verbreiten? Darauf will Weber nicht antworten. Nur so viel: "Diese Frage dürfen Sie gerne dem Kultusministerium stellen", sagt er. Bis zu den Osterferien sind es fünfeinhalb Wochen. Fünfeinhalb Wochen, in denen – so David Weber – die nächste Schulschließung unbedingt vermieden werden müsse. "Es wäre für alle Beteiligten zermürbend, die Schulen jetzt zu öffnen, um sie nach zwei Wochen wieder zu schließen."

Das Ministerium lässt den Schulen viele Spielräume. So dürfen sie selbst entscheiden, wie hoch der Anteil des Präsenz- und des Online-Unterrichts ist. Die Schulleitungen von Freiburgs Gymnasien haben sich für ein gemeinsames Vorgehen entschieden: Zuerst hole man die Kursstufe zwei zurück und eine Woche später sehr wahrscheinlich die Kursstufe eins, sagt Martin Rupp, geschäftsführender Schulleiter der Gymnasien. Ein gewisses Risiko sieht er im Kurssystem, durch das sich die Gruppen ständig neu mischen. Angesichts der niedrigen Inzidenzen hält er das aber für vertretbar.

Die Abschlussklassen der Lörracher Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule werden geteilt und in möglichst großen Räumen untergebracht. Auch beim Kommen und Gehen wird streng darauf geachtet, dass die Schüler nicht alle aufs Mal, sondern zeitlich versetzt kommen. "Im Schulhaus und auf dem Pausenhof könne man kontrollieren, dass die Schüler ausreichend Abstand halten und eine Maske tragen", sagt der Schulleiter. Sobald sie allerdings das Schulgelände verlassen, gibt es keine Regeln mehr, an die sich die Schüler halten müssen. Auch darin liege viel Ansteckungspotenzial so Weber. Gerade im Hinblick auf die neuen Mutationen brauche es bei der schrittweisen Öffnung der Schulen ein funktionierendes ÖPNV-System. Seine Einschätzung: "Das wird noch spannend."

Die meisten Eltern von Grundschülern begrüßen die Öffnung am Montag. Der Gesamtelternbeirat Freiburger Schulen hatte unter anderem dazu Eltern befragt und 924 Antworten erhalten. 61,4 Prozent stimmten der Aussage zu, die Schulen sollten dringend wieder öffnen. Nur 20,8 Prozent waren anderer Meinung. Ob die Eltern dabei schon die Dynamik der Virusmutanten im Blick hatten, ist eher unwahrscheinlich.st, rix, DPA