BZ-Interview

Denzlinger Biolehrer geht mit Schülern in Herbstferien auf Schädlingsjagd

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Mo, 26. Oktober 2020 um 18:11 Uhr

Denzlingen

Am Dienstag ziehen rund 30 Schüler des Erasmus-Gymnasiums durch Denzlingen, um in den Ferien die Raupen von Motten zu töten. Diese befallen Kastanienbäume und schädigen sie nachhaltig.

Trotz Herbstferien, Regen, Nässe und Kälte ziehen am Dienstag um 9 Uhr rund 30 Schülerinnen und Schüler des Erasmus-Gymnasiums durch Denzlingen, um die Raupen von Motten zu töten. Mit der vom Biologielehrer Michael Szabados initiierten Aktion wollen sie Kastanienbäume retten, die der Schädling befallen hat. Sebastian Krüger sprach mit Szabados über den Sinn der Aktion.



BZ:
Sie haben angekündigt, mit Ihren Schülern die rund 50 Bäume in der Kastanienallee zu retten. Vor wem und warum?

Szabados: Wir wollen die Bäume von der Miniermotte befreien, die die gut 25 Jahre alten Kastanien befallen haben. Bei der Motte handelt es sich um einen drei Millimeter langen Falter mit einer Flügelspannweite von etwa sechseinhalb Millimetern – ein kleines Tier, das großen Schaden anrichtet.



"Das führt dazu, dass den aufgrund der Trockenheit ohnehin schon gestressten Bäumen zusätzlich Wasser entzogen wird." Michael Szabados
BZ: Inwiefern?

Szabados: Die Motte legt ihre Eier auf die Kastanienblätter. Sobald die Raupen aus den Eiern schlüpfen, fressen sie diese. Das führt dazu, dass den aufgrund der Trockenheit ohnehin schon gestressten Bäumen zusätzlich Wasser entzogen wird. Das kann man gut an den Blättern erkennen, die schon im Sommer braun gefärbt und zusammengeschrumpelt waren. In der Folge können die Bäume keine Photosynthese mehr betreiben. Sie verdursten und verhungern.
Zur Person

Michael Szabados (61) unterrichtet seit 2003 Deutsch und Biologie am Erasmus-Gymnasium in Denzlingen.

BZ: Aber wenn Raupen Blätter fressen, ist das der Lauf der Natur.

Szabados: In diesem Fall nicht. Denn die Raupen sind aus Südeuropa eingewanderte Schädlinge. Die Bäume leiden damit quasi doppelt unter dem Klimawandel: Sie sind dem Niederschlagsmangel ausgesetzt und einem eingewanderten Schädling.



"Von der Resonanz der Schüler war ich selbst überrascht."


BZ: Wie bekämpfen Sie die Motte?

Szabados: Am sinnvollsten ist es, die Blätter zusammen zu kehren und zu verbrennen. Lässt man sie liegen, kriechen die Raupen in den Boden und überwintern dort als Puppen, ehe sie sich im Frühling zu Faltern verwandeln, die erneut ihre Eier auf die Blätter legen. Der Kreislauf beginnt dann von vorne. Und irgendwann müssen die Bäume gefällt werden.

BZ: Ist der Bauhof nicht dafür zuständig?

Szabados: Im Prinzip schon, allerdings hat er nicht genügend Personal, um das ganze Laub aller Denzlinger Kastanienbäume einzusammeln. Die Bauhofmitarbeiter schreddern das Laub in der Regel mit einem Rasenmäher. Doch dadurch werden die Puppen der Motte nicht vernichtet. Aber der Bauhof unterstützt uns bei der heutigen Aktion, indem er uns Rechen, Haken und Besen zur Verfügung stellt und anschließend das gesammelte Laub abholt und entsorgt.



"Es ist auch eine symbolische Aktion, um zu zeigen, dass man in Zeiten von Fridays for Future mehr tun kann als nur zu demonstrieren."


BZ: Wie konnten Sie die Schüler dazu motivieren, in den Ferien früh aufzustehen und in der Kälte Laub zu rechen?

Szabados: Normalerweise hätten unsere Schüler vergangene Woche ihr Bogy-Praktikum absolviert. Doch wegen Corona hat nur die Hälfte einen Praktikumsplatz gefunden. Für die anderen haben wir uns alternative Aktionen überlegt, wie zum Beispiel die Baum-Rettungs-Aktion. Weil vergangene Woche die Pandemie-Stufe drei ausgerufen wurde, musste ich sie wieder absagen, weswegen die betroffenen Zehntklässler enttäuscht waren. Als ich die Aktion als freiwillige Ferienaktion beworben habe, sagten direkt 30 Schüler zu. Von der Resonanz war ich selbst überrascht. Wir werden uns heute coronakonform in Zweier- oder Dreiergruppen aufteilen.

BZ: Was ist der pädagogische Mehrwert?

Szabados: Während der Ökologie-Unterricht theoretisch ist, können die Schüler nun in der Praxis sehen, was ein Schädling bewirkt, der in einen Kreislauf eindringt, in dem er von der Natur nicht vorgesehen war. Es ist auch eine symbolische Aktion, um zu zeigen, dass man in Zeiten von Fridays for Future mehr tun kann als nur zu demonstrieren. Schließlich filtern die Bäume CO2 aus der Luft – aber nur, wenn sie nicht geschädigt sind.