Grenzüberschreitender Wirtschaftsraum

Der Fachkräftemangel wird relevanter

Michael Baas

Von Michael Baas

Sa, 21. Mai 2022 um 17:20 Uhr

Wirtschaft [Aufmacher]

Die neue Studie "Arbeitsmarkt am Oberrhein" sieht Baden und die Pfalz beim Beschäftigungsaufbau seit 2010 vor der Nordwestschweiz.

Die Lage am Arbeitsmarkt am südlichen Ober- und am westlichen Hochrhein erfordert mehr grenzüberschreitende Kooperation, weniger Konkurrenz sowie mehr Flexibilität auf Arbeitnehmerseite. Diese Schlussfolgerungen ziehen die Verantwortlichen der Regio Basiliensis aus der neuen Ausgabe des Arbeitsmarktberichtes am Oberrhein, den das Basler Forschungsinstitut BAK Economics im Auftrag der die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Nordwestschweizer Kantone koordinierenden Organisation erstellt hat.

Die dritte Ausgabe des Berichts verdeutlicht die engen Verflechtungen der trinationalen Region. Sie zeigt aber auch ein abnehmendes Arbeitskräftepotenzial, und das trotz eines anhaltenden Bevölkerungswachstums von 0,5 Prozent im Jahr. Bezogen auf die gesamte Region zwischen Aarau und Waldshut-Tiengen im Osten, Solothurn im Süden, das Elsass, Süd- und Mittelbaden bis ins südpfälzische Landau sind das immerhin rund 30 000 Menschen pro Jahr, wobei die fünf Kantone um Basel vergleichsweise dynamischer wachsen als andere Teilgebiete. Dennoch schrumpft das Arbeitskräftepotenzial der 15- bis 64-Jährigen laut dem Bericht bis 2035 im Schnitt um 0,1 Prozent pro Jahr, wobei die Schrumpfung in Baden und der Pfalz laut BAK deutlicher ausfallen wird.

Hohe Zahl an offenen Stellen

Handlungsbedarf aber gibt es aus Sicht der Regio Basiliensis so oder so. Indizien dafür, dass die Lücke zwischen Arbeitskräftepotenzial und -bedarf zunehmend größer wird, sieht der Bericht zum Beispiel im Bestand offener Stellen: Dieser lag 2021 trotz der Pandemiefolgen sowohl in den Arbeitsmarktregionen Lörrach, Freiburg und Karlsruhe mit 7310 offenen Stellen wie auch in der Nordwestschweiz mit 9599 höher als 2020. Der Fachkräftemangel ist aus Sicht des BAK inzwischen sowohl in der Nordwestschweiz wie auch in Baden "relevant".

Wachstumsmotoren im deutschen Teil der trinationalen Region sind dabei nach wie vor die Stadt Freiburg und ihr Umland sowie das pfälzische Landau. In beiden Regionen stieg die Beschäftigung in den vergangenen zehn Jahren fast kontinuierlich. Wachstumstreiber in der Nordwestschweiz sind vor allem der Kanton Basel-Stadt mit seinem Life-Science-Cluster (Pharma-, Chemie und Biotechfirmen) und der Aargau. Vergleichsweise überdurchschnittlich viele Beschäftigte registrierte das BAK neben der Chemie- und Pharmaindustrie in der Elektronikbranche sowie im Gesundheitssektor. Diese drei Branchen identifiziert die Studie als "regionale Fokusbranchen".

Gesundheitssektor mit hohem Beschäftigungszuwachs

Das stärkste Beschäftigungswachstum gab es im Zeitraum zwischen 2010 und 2020 bezogen auf die gesamte Region im Gesundheitssektor vor den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und wissensintensiven Dienstleistungen. Indes gibt es hier regionale Unterschiede. So liegt im deutschen Teilraum der Maschinenbau beim Beschäftigungswachstum vor Gesundheit und Elektronik. Unter dem Strich verzeichnete das deutsche Teilgebiet im vergangenen Jahrzehnt ein durchschnittliches jährliches Beschäftigungswachstum von mehr als einem Prozent. Damit lag es über dem Mittelwert der gesamten trinationalen Region von 0,77 Prozent und verbuchte in fast allen Branchen Beschäftigungswachstum. In der Nordwestschweiz dagegen schrumpften einige, nicht zuletzt die Gastronomie, aber auch das Beschäftigungswachstum der Leitbranche Pharma war unterdurchschnittlich. Im Elsass ging die Beschäftigung zum Teil sogar deutlich zurück – nicht zuletzt in klassischen Industriebranchen wie dem Fahrzeug- und Maschinenbau.

Basel weist ein hohes Pro-Kopf-Einkommen aus

Auch jenseits der Beschäftigung konstatiert der Bericht sich zuspitzende regionale Disparitäten. Das gilt zum einen für das Wohlstandsgefälle zwischen urbanen und ländlichen Räumen. Das gilt andererseits auch für das Pro-Kopf-Einkommen der drei nationalen Teilräume. Unter dem Strich stuft das BAK die Region mit rund 6,1 Millionen Einwohnern und einem durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 47 400 Euro (2020) pro Kopf zwar als "wohlhabend" ein. Dieser Wert aber resultiert nicht zuletzt aus den hohen Pro-Kopf-Einkommen in den Schweizer Kantonen. Vor allem Basel-Stadt sticht mit seinem durchschnittlichen BIP von 188 000 Euro hervor. Dieser Wert relativiert sich zwar durch den hohen Anteil an Grenzgängern und Grenzgängerinnen, die ihr Einkommen weitgehend in Südbaden oder im Elsass ausgeben, sowie die Begrenzung auf den dichtbesiedelten Stadtraum. Der Wert unterstreicht aber auch einmal mehr die Rolle der Stadt als dynamischestem Wirtschaftsstandort der gesamten Region.