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Medienpersönlichkeit

Fernsehjournalist Friedrich Nowottny wird 95 Jahre alt: "Freiheit ist alles andere als selbstverständlich"

  • Christoph Driessen (dpa)

  • Di, 14. Mai 2024, 06:30 Uhr
    Computer & Medien

     

Der Zweite Weltkrieg liegt fast 80 Jahre zurück, aber Friedrich Nowottny hat seine Geräusche noch im Ohr. Der Journalist hat die gesamte Geschichte der Bundesrepublik miterlebt. Der Ukraine-Krieg macht ihm Sorgen.

Friedrich Nowottny  | Foto: Oliver Berg (dpa)
Friedrich Nowottny Foto: Oliver Berg (dpa)
Ein verschmitztes Lächeln und dann die knappe Ankündigung: "Auf Wiedersehen – das Wetter." Wenn Friedrich Nowottny auf diese wohlvertraute Manier den "Bericht aus Bonn" abschloss, dann ging der Fernsehzuschauer anschließend mit der Gewissheit ins Bett, die Bundespolitik völlig durchblickt zu haben.

Heute, viele Jahrzehnte später, erinnern in seiner Bonner Wohnung nur noch ein paar Karikaturen an die große Zeit im Fernsehen. Alles andere hat er weggegeben. Fünf Jahre fehlen Friedrich Nowottny noch bis zum vollen Jahrhundert: Am 16. Mai wird der ehemalige Fernsehjournalist und WDR-Intendant 95 Jahre alt. Er hat mittlerweile zwei Urenkel, Zwillinge im Alter von zwei Jahren. Aber die Freude über die beiden Jungen wird verdunkelt durch den Krieg in der Ukraine. "Ich bin sehr besorgt, außerordentlich beunruhigt", sagt er. Dabei spielt mit, dass er selbst mit 15 Jahren in Hitlers sogenanntem "Volkssturm" in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs eingesetzt wurde.

Das Geräusch von Panzerketten auf den Straßen

Nowottny ist eigentlich immer ein Mensch gewesen, der ganz im Jetzt gelebt hat. Diesmal aber ist es anders, diesmal blickt er zurück. Nowottny wurde 1929 in Oberschlesien im heutigen Polen geboren. Bis Anfang 1945, als die Rote Armee auf das Gebiet vorrückte, war dort wenig vom Krieg zu spüren gewesen. Dann aber wurde es ernst. "Das treibt mich jetzt gelegentlich um. Eine der schlimmsten Erinnerungen für mich ist das Geräusch von Panzern auf Straßen. Dieses unglaubliche Geräusch der Ketten auf Pflaster, das habe ich immer im Ohr."

Ende Januar 1945 wurde Nowottny wie sein bis dahin freigestellter Vater zum "Volkssturm" einberufen. "Ich weiß noch genau, wie mein Vater und ich im Schützenloch nebeneinander standen, und mein Vater zog die Feldflasche raus und sagte: ’Komm, nimm einen kleinen Schluck, das wird dir guttun. Es ist so kalt.’ Da habe ich den ersten Schluck Alkohol getrunken."

In einer Frontzeitung stieß der Vater auf eine Bekanntmachung, wonach alle Soldaten des Jahrgangs 1929 ins Sudetenland verlegt werden sollten. Mit Verweis darauf setzte der Vater durch, dass Friedrich nicht an die Front kam. "So erlebte ich dann den Abmarsch des Ersatzbataillons mit meinem Vater. Zwei Wochen später war mein Vater gefallen." Er hingegen konnte sich nach Passau durchschlagen. Dort wurde er erneut aufgegriffen und in Hitlers Geburtsort Braunau am Inn stationiert. Nun kamen die Amerikaner und Nowottny wurde Dolmetscher. "Das war meine Rettung."



Plötzlich hält er inne, setzt sich aufrechter hin und sagt, wie um sich selbst zu disziplinieren: "Das ist alles lange her." Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Und trotzdem, durch den Ukraine-Krieg steht mir diese Situation jetzt wieder vor Augen. Wobei die Ukraine ganz anders ist. Die Zerstörungskraft der heute üblichen Artillerie und Raketen ist unvergleichlich. Das sind schreckliche Waffen. Ich kann nur sagen, hoffentlich bleibt uns das erspart."

In Moskau den großen Umbruch miterlebt

Nowottny war von 1985 bis 1995 Intendant des Westdeutschen Rundfunks und als solcher auch für das ARD-Studio Moskau zuständig. Er besuchte die russische Hauptstadt immer mal wieder zu Vertragsunterzeichnungen und erlebte so auch ausschnittweise die Phase des großen Umbruchs mit: den Aufstieg und Fall des letzten sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow, der ihm scherzhaft einen "slawischen Rundschädel" attestierte. Als er Ende 1991 in Gorbatschows Büro gekommen sei habe der russische Präsident Boris Jelzin schon vor der Tür gestanden, um ihn abzulösen. Es war nichts weniger als der Untergang der Sowjetunion, der in dieser Szene Gestalt annahm und sich dem Zaungast aus Deutschland für immer eingebrannt hat.

Friedrich Nowottny hat die gesamte Geschichte der Bundesrepublik bewusst miterlebt. Die Verwurzelung der Demokratie, ihre Akzeptanz mit allen Skandalen und Krisen, hält er für die größte Errungenschaft der Epoche. "Ich bin einer der Letzten, die noch aus eigener Erfahrung wissen, dass Freiheit alles andere als selbstverständlich ist", sagt er.

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Ressort: Computer & Medien

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