Der Gier geopfert

Sandra Weiss

Von Sandra Weiss

Mo, 30. Dezember 2019

Panorama

Der mexikanische Schweinswal stirbt wohl aus, weil die Mafia den begehrten Umberfisch jagt.

PUEBLA. Putzig sieht er aus, der kalifornische Schweinswal mit seinem Maul, das zu grinsen scheint. Doch wie lange es diese Spezies, die im nördlichen Golf von Kalifornien beheimatet ist, noch in freier Wildbahn geben wird, ist ungewiss. Der Schweinswal steht seit 1991 unter Artenschutz der CITES-Konvention und ist vom Aussterben bedroht.

Nur noch 19 freilebende Exemplare sind in den Registern von mexikanischen Umweltschützern verzeichnet, und Schuld daran hat die Mafia. Denn die hat es auf den Totoaba – oder Umberfisch – abgesehen, der seinen Lebensraum mit dem Schweinswal teilt. Der Umberfisch gilt in der chinesischen Küche als Aphrodisiakum und Verjüngungsmittel. Außerdem wird das Kollagen in seiner Schwimmblase für bestimmte Suppenzubereitungen benötigt und gilt bei reichen Chinesen als Prestigeobjekt. Deshalb zahlen Schmuggler den Fischern zwischen 500 und 3000 US-Dollar pro Kilogramm. In China und Hongkong kostet die gleiche Menge dann bis zu 80 000 US-Dollar. Das ist mehr, als Kokain kostet.

Küstendörfer wie Puerto Peñasco und San Felipe sind vom Fang der Totoaba reich geworden. Bis zu 10 000 US-Dollar kann ein Fischer damit im Monat verdienen – doppelt so viel wie der Staatschef. Die Fischer entnehmen nur die Schwimmblase. Diese wird dann von Mittelsmännern in Milchkartons oder Autoreifen versteckt, nach Tijuana oder Mexicali gebracht und an chinesische Schmuggler verkauft, die die Blase trocknen und außer Landes bringen. In den riesigen Stellnetzen der Fischer verfangen sich neben den bis zu zwei Meter langen Totoabas auch Schweinswale, Delfine, Schildkröten, Rochen und Haie und gehen qualvoll zugrunde.

Der Bestand der Totoaba ist seit den 40er-Jahren um 95 Prozent geschrumpft. Seit 1993 steht die Totoaba unter Schutz. In den vergangenen Jahren hat die mexikanische Regierung auf Druck der Umweltschützer die Kontrollen in der Region verstärkt. An Straßensperren rund um den Golf von Kalifornien werden nun Gepäck und Kofferräume gescannt. Doch das Netz ist löchrig. 2018 wurde am Flughafen von Mexiko-Stadt ein Chinese mit 416 Schwimmblasen im Gepäck festgenommen.

Die Schmuggler sind schwer bewaffnet und schrecken vor Gewaltanwendung nicht zurück. Neulich griffen Fischer ein Patrouillenschiff der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd an und setzten es in Brand. Eine Drohne der Organisation wurde abgeschossen. Auch die Straffreiheit und Bestechlichkeit der Sicherheitskräfte und der Justiz verhindert einen effektiven Kampf gegen die Raubfischerei: In fast allen Fällen kamen festgenommene Raubfischer und Schmuggler rasch wieder auf freien Fuß.

Eine Lösung könnte jetzt aus der Wissenschaft kommen: Meeresbiologen ist es zusammen mit einem privaten Unternehmen gelungen, Totoabas in Farmen zu vermehren und aufzuziehen. Den Schweinswalen hilft das nicht.