Der Grenzenverschieber

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 05. April 2020

Handball 2. Bundesliga

Ralf Wiggenhauser bleibt Trainer der Handballerinnen von der HSG Freiburg.

Seit 15 Jahren trainiert Ralf Wiggenhauser die Handballerinnen der HSG Freiburg. Er hat die Red Sparrows von der Landesliga bis in die zweite Bundesliga geführt. Auch kommendes Jahr macht er weiter. Über einen, der gerne Erwartungen übertrifft.

Von der Not- zur Ideallösung. Als Ralf Wiggenhauser vor 15 Jahren zum ersten Mal ein Spiel der HSG Freiburg beobachtete, ging alles ganz schnell. "Das war fast surreal", sagt er heute, 15 Jahre später. Die Corona-Pandemie hat derzeit auch den Trainer der Red Sparrows im Griff. Homeoffice für den Freiburger Realschullehrer.

Aber zurück zur Geburtsstunde der Erfolgsgeschichte der HSG. Die Wurfkünstlerinnen hatten damals ein talentiertes Team, dümpelten aber in der Landesliga herum. "Die HSG war höchstens die Nummer drei in Freiburg ", erinnert sich Wiggenhauser. Während der Saison hatte es Verwerfungen gegeben und die sportliche Leiterin Gisela Schoritz hatte interimsmäßig die Geschicke der ersten Mannschaft übernommen.

Ralf Wiggenhauser war damals ein Jungspund von 23 Jahren. Und ursprünglich hatte die HSG ihn für die Jugendarbeit vorgesehen. Als Wiggenhauser sich beim besagten Spiel mit der damaligen Vorsitzenden Petra Ganter traf, hatte er sich eigentlich vorgenommen, abzusagen. Als junger Student hatte er andere Flausen im Kopf. Die HSG-Chefin überrumpelte Wiggenhauser aber mit der Anfrage, die Landesliga-Frauen zu trainieren und überredete diesen solange, bis er schließlich vor Abpfiff des Spiel zusagte.

Der sportlichen Leiterin und Interimstrainerin Schoritz präsentierte Ganter das direkt nach Spielende. "Da bin ich aus allen Wolken gefallen, wir hatten ja noch nicht einmal gesprochen und er war sehr jung", sagt Schoritz heute.

Das Risiko hat sich gelohnt. Aus Wiggenhauser und Schoritz sind gute Freunde geworden. Lange Zeit hat der HSG-Coach sogar bei Familie Schoritz gewohnt. Wichtiger aber noch: Wiggenhauser hat die HSG entwickelt und in seinen mittlerweile 15 Jahren aus der Landes- in die zweite Bundesliga geführt.

"Das ist ein fast einzigartiger Weg, den er als Hauptperson entscheidend mitgeprägt hat", sagt Julia Söhne, die zweite Vorsitzende des Vereins, und fügt an: "Er hat dabei immer wieder den widrigen Bedingungen getrotzt."

Vier Jahre lang pendelte Wiggenhauser zwischen Konstanz und Freiburg. Als Lehrer unterrichtete er am Bodensee, als "Mädchen für alles" schmiss er den Drittliga-Laden der HSG im Breisgau.

Überhaupt lässt sich der Kern der anderthalb Wiggenhauser-Jahrzehnte bei den Red Sparrows auf einen Nenner bringen: Mit seinen Handballerinnen hat Wiggenhauser immer wieder die Grenzen des Erreichbaren verschoben: "Als wir in die Verbandsliga aufgestiegen sind, hat man gesagt, wir seien eigentlich nicht gut genug dafür, später in der Regionalliga war es wieder so, genauso wie in der dritten und zuletzt in der zweiten Liga."

Wiggenhauser aber hat immer wieder Teams mit extremem Aufstiegswillen entwickelt. Den vielen Umbrüchen innerhalb des Kaders zum Trotz. "Das ist seine große Stärke", sagt Söhne. "Zudem hat er die Fähigkeit, Kumpeltyp und Autoritätsperson zu sein", ergänzt Schoritz. Auch in der vergangenen Saison war das so, als die HSG in der zweiten Bundesliga nach starkem Start in einen Abstiegsstrudel geriet. Durch den coronabedingten Saisonabbruch ist das Abstiegsgespenst mittlerweile vertrieben. Der Großteil des Teams bleibt zusammen. Wiggenhauser ist guter Dinge. Deshalb hat der B-Lizenzinhaber ebenfalls zugesagt.

Und das obwohl er sich am heimischen Familientisch in Ehingen in der Nähe vom Bodensee auch diesen Sommer so manchen scherzhaften Spruch anhören darf. "Meine Eltern meinen ja seit Jahren, dass ein Trainer nach drei Jahren den Verein wechseln müsste", lacht Wiggenhauser. Die Eltern wissen, wovon sie sprechen. In der Handball-Hochburg Ehingen haben sie eine ähnliche Vergangenheit wie Filius Ralf bei der HSG. Vater Hannes war lange Kapitän des ansässigen Landesligateams, Mutter Silvia sportliche Leiterin.

Doch bislang hat der Trainer der HSG Freiburg seine Eltern immer wieder eines Besseren belehrt. "Ich gebe mich nie zufrieden", sagt der Südbadener dazu. Erwartungen übertreffen: Wiggenhausers Credo wird seinen Sparrows auch kommende Spielzeit in der zweiten Bundesliga Flügel verleihen.