Der Mensch und die Maschinen

Peter Disch

Von Peter Disch

Mi, 25. März 2020

Rock & Pop

Gabriel Delgado-López, der Sänger der Deutsch Amerikanischen Freundschaft, ist gestorben.

Der Song, der die Deutsch Amerikanische Freundschaft bekannt machte, stammt aus dem Jahr 1981. Aber auch 2020 hat er nichts von seiner Unerbittlichkeit verloren. Ein Loop setzt ratternd ein. Eine marginale Melodie, monoton, die immer an derselben Stelle leicht leiert. Das Schlagzeug stampft einen Beat aus dem Boden. Und dann – die berühmte erste Strophe.

"Geh in die Knie / Und klatsch in die Hände / Beweg deine Hüften / Und tanz den Mussolini / Tanz den Mussolini / Tanz den Mussolini", befiehlt Gabi Delgado-Lopez. Kein Kasernenhofton. Eher die natürliche Autorität eines Zeremonienmeisters, der sich keiner widersetzen kann. 61 weitere Zeilen folgen. Vier, fünf, maximal sechs Worte. Imperativ auf Imperativ. Provokation auf Provokation. Hitler. Jesus Christus. Kommunismus. Alles egal. Alles gleich. Alles tanzt. Vorangetrieben vom synthetischen Beat, angefeuert von fernem Juchzen, spitzen Schreien und heiser herausgepresstem Stöhnen.

"Der Mussolini" ist das Meisterstück von Robert Görl, der anderen Hälfte der Deutsch Amerikanischen Freundschaft alias DAF, und Gabriel Delgado-López, der am Sonntag in einem Krankenhaus in Portugal im Alter von 61 gestorben ist. Der Song und die schwarze Lederkluft wurden seinerzeit als Nähe zum Faschismus und dessen Ästhetik missverstanden. Tatsächlich ging es allein um das Spiel mit dem Feuer. Und das Image war von der schwulen Fetischszene geborgt.

"Der Mussolini" ist nicht das einzige Stück, das überdauert hat. "Verschwende deine Jugend" wurde zum Motto ihrer Generation, es war die vom Punk gespeiste Antwort auf das Liebe-und-Frieden-Mantra ihrer Hippie-a.-D.-Eltern – längst ist der Titel dieser Hymne auf den rauschhaften Hedonismus ein geflügeltes Wort.

Darüber hinaus sind DAF neben Kraftwerk die einflussreichste deutschen Popgruppe aller Zeiten. Kraftwerk brachten Synthesizern und Keyboards das Singen bei und hauchten den künstlich erzeugten Tönen, Beats und Sounds Leben ein. Görl und Delgado-López dagegen hatten ein anders Ziel – Kraft. Getroffen haben sich der gebürtige Münchner und der gebürtige Spanier 1978 im Ratinger Hof in Düsseldorf, der Brutstätte des deutschen Punk. Dessen Haltung gefiel den beiden, nicht aber seine Mittel. "Ich habe nie verstanden, warum eine so hochenergetische Sache mit den Instrumenten der Väter gespielt wird", erinnert sich Delgado-López in einem Interview mit dem Fernsehsender RBB. Zwar gab es in der ersten Inkarnation der Deutsch Amerikanischen Freundschaft einen Bassisten, Keyboarder und Gitarristen. Aber nach dem Debütalbum war für sie kein Platz mehr. Musiker raus. Synthesizer rein. Was folgte, war eine Eruption der Kreativität. Die Platten "Alles ist gut", "Gold und Liebe" und "Für immer", die Görl und Delgado-López 1981 und 1982 aufnahmen, waren ihrer Zeit voraus und wirkten lange nach. Die aus der New Wave hervorgegangene Electronic Body Music, Techno, Pop- und Rockbands wie Depeche Mode, Marilyn Manson und Rammstein – alle profitierten von der Grundlagenforschung des Duos, das sich 1983 trennte und mehrfach wieder zusammenfand.

Die Pionierarbeit bestand darin, dass DAF zu den ersten Pop-Formationen außerhalb der schwarzen Musik gehörte, die vom Beat her dachten. Heute ist das die Norm. Damals war es die Ausnahme. Die linearen, maschinenhaft getakteten Rhythmen gaben Texten und Gesang die Struktur vor – ein Stakkato weniger Worte, reduzierte Slogans, Widerspruch zwecklos. Trotzdem war Delgado-López kein Sklave der Technik. Er war der Mensch, der den Maschinen eine Stimme gab. Sie zielten auf das Gefühl. Er auf den Verstand. Zusammen waren sie unbesiegbar. Und daran kann keiner etwas ändern. Nicht einmal der Tod.