Nachruf

Trauer um den Olympiasieger-Macher Siegfried Hug

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Sa, 05. Dezember 2020 um 14:43 Uhr

Skilanglauf

Er war eine Schwarzwälder Skilegende, der seinem besten Freund Georg Thoma vor 60 Jahren mit dem richtigen Griff in die Wachskiste den Olympiasieg in Squaw Valley bescherte.

Wer ihn erlebt hat, war beeindruckt von diesem kernigen, zupackenden, von Wind und Wetter gegerbten Mann aus Hinterzarten. Bei einem Trainingslauf auf schmalen Latten hatte sich Siegfried Hug, gelernter Blechner und später als Nachfolger seines Vaters Schuhhaus-Chef, einst den Daumen der rechten Hand erfroren, dank Funktionsbekleidung von damals, die er im Gespräch mit der BZ "unsäglich" nannte.

Siegfried Hug ist eine Schwarzwälder Skilegende, schmal und kurz wie Georg Thoma, ein gewitzter und uneitler Großer seines Sports, der seinem besten Freund, dem "Jörgle", vor 60 Jahren mit dem richtigen Griff in die Wachskiste den Olympiasieg in Squaw Valley bescherte. Jetzt ist Siegfried Hug kurz vor seinem 85. Geburtstag gestorben.

Die Olympischen Spiele im Tal der Indianerfrau waren das Abenteuer seines Lebens. "Olympia, das war wie ein Fieber", erinnerte sich Hug vor ein paar Jahren in einem intensiven, Stunden währenden Gespräch mit der BZ in seiner ganz persönlichen Ruhmeshalle. Es ist eine Falschmeldung, dass es in Hinterzarten nur ein Skimuseum gibt. Im Keller seines Schuhhauses, über Sandalen und Bergschuhen, hingen Dutzende Fotos aus Squaw Valley, über denen der Olympiaski von 1960 an zwei Uhrmacherketten schwebte. Medaillen und der "Goldene Ski", mit dem Siegfried Hug 1962 als Ausnahmesportler vom Deutschen Skiverband ausgezeichnet wurde, blinkten in Glasvitrinen. Wegzeichen eines außergewöhnlichen Lebens. Den Achttausender Annapurna hat er mit Everest-Bezwinger Peter Habeler umrundet und mehrfach den legendären Wasalauf bestritten.

Das Rennen seines Lebens bestritt Siegfried Hug vor mehr als 60 Jahren, an einem Februarmorgen am Lake Tahoo. Zusammen mit seinen Langlauf-Kollegen Siegfried Weiß von der SZ Brend, dem Maier Sepp aus St. Peter und Kombinierer Georg Thoma hatte er wenige Tage zuvor in München als einer von 73 Olympioniken der damals noch gesamtdeutschen Mannschaft die "Superconstellation", das von vier Propellern gezogene Flaggschiff der Lufthansa bestiegen.

Die Zehen, umhüllt von einem nicht wasserdichten Lederschuh, in der "Rattenfalle" genannten Skibindung, steht er am Start, vor sich 30 Kilometer in klassischer Technik, die Arme auf Bambusstöcke mit breitem Teller gestützt. Siegfried Hug rackert wie ein Berserker. Schiebend, schnaufend, mit den Armen wirbelnd. Der amerikanische Schnee, bei Sonnenaufgang noch locker wie Puder, droht kurz vor High Noon zu karamellisieren. Mit der leuchtend roten Startnummer 14 vor der Brust jagt der Hinterzartener 2:05,48 Stunden lang auf 2000 Metern Höhe nach dem olympischen Traum. Der ist mit Rang 33 hinter dem Schweden Sixten Jernberg, der mit der Startnummer eins Gold gewinnt, noch nicht zu Ende. Denn Hug wird noch gebraucht. Als Legendenmacher. Als Wunderwachser. Von seinem Freund, dem "Jörgle", der gerade völlig überraschend das Kombinationsspringen gewonnen hatte und am Abend vor dem Langlaufrennen Hilfe braucht.

Hug erinnerte sich im BZ-Gespräch genau: "Sigi, hat er g’sagt, mach mir d’ Ski. Da hab’ ich halt g’macht." Hug misst die Schneetemperatur, streckt den nackten Finger in den eiskalten, das olympische Dorf überspannenden Nachthimmel ("die Luftfeuchtigkeit hatte ich im Gefühl"), greift dann zu zwei Dosen Hartwachs, trägt Grün auf, korkt, streicht Blau drüber, korkt wieder. Von der Skispitze bis zum Skiende belegt Siegfried Hug Thomas Langlaufski mit Steigwachs. Die Unterteilung in Steig- und Gleitzone ist damals noch unbekannt.

Das ringt Georg Thoma auch Jahrzehnte später ein Grinsen ab. "Wir waren damals so blöd...". Doch kein Anderer ist in Squaw Valley so gut so blöd wie Siegfried Hug, der seinem Freund einen perfekten Ski präpariert und damit die nordische Skiwelt verändert. Thoma startet als unbekannter Schwarzwälder in den Kombinationslanglauf. Keine Stunde später wird er das, was er bis heute ist. Eine Legende. Wie Siegfried Hug.