Erderwärmung

Der Weltklimarat zeichnet in seinem neuesten Bericht ein düsteres Bild

Christian Mihatsch

Von Christian Mihatsch

Mo, 09. August 2021 um 13:30 Uhr

Umwelt & Natur

Eisschmelze, Hitzewellen, Starkregen: Die Folgen der Erderwärmung sind laut Klimabericht drastisch – und menschengemacht. Der angestrebte Klimaschutz reicht nicht, um sie einzudämmen.

Vor 30 Jahren ist der erste Bericht des Weltklimarats erschienen. Seither ist klar, dass die Menschheit das Klima aufheizt und die Treibhausgasemissionen auf null sinken müssen. Doch sie sind weiter gestiegen – und müssen nun umso schneller fallen: um die Hälfte in zehn Jahren.

Der jüngste Bericht des Weltklimarates (IPCC) besteht wie immer aus zwei Teilen: dem eigentlichen Bericht und der Zusammenfassung für Entscheidungsträger. Letztere wurde in den vergangenen beiden Wochen von Klimadiplomaten ausgehandelt. Damit stellt der IPCC-Bericht den offiziellen Kenntnisstand der Regierungen der Welt zur Entwicklung der Klimakrise dar. Für den eigentlichen Bericht haben Wissenschaftler aus der ganzen Welt 14.000 Studien ausgewertet.

"Es geht vor allem um Entscheidungen" Richard Black
Die Co-Vorsitzende Valérie Masson-Delmotte sagt: "Wir haben jetzt ein viel klareres Bild des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Klimas, was wichtig ist, um zu verstehen, wohin wir uns bewegen, was wir tun können und wie wir uns vorbereiten können."

Große Überraschungen enthält der Bericht nicht. Seit Jahren ist klar, dass es umso wärmer wird, je mehr Treibhausgase sich in der Atmosphäre ansammeln. Seit der vorindustriellen Zeit ist die Durchschnittstemperatur auf der Erde im Jahresmittel um 1,1 Grad gestiegen – mehr über Land und weniger über den Ozeanen. Dieser Trend wird sich fortsetzen: Um das Jahr 2030 ist die Erde laut dem IPCC 1,5 Grad wärmer. Wie es danach weitergeht, ist offen.

"Es geht vor allem um Entscheidungen", sagt Richard Black von der britischen Denkfabrik Energy and Climate Intelligence Unit. "Die Welt wird in einer emissionsarmen Zukunft ganz anders aussehen als in einer emissionsreichen. Es steht viel auf dem Spiel: Die Entscheidungen der kommenden Monate werden einen großen Einfluss haben."

Wie entscheidend die nächsten Wochen, Monate und ein, zwei Jahre sein werden, zeigt ein Blick auf die verschiedenen Emissionsszenarien im IPCC-Bericht. Im einzigen Szenario, in dem die Erwärmung am Ende des Jahrhunderts unter 1,5 Grad liegt, fallen die globalen Netto-Emissionen in den nächsten zehn Jahren um knapp die Hälfte und erreichen im Jahr 2050 null. Anschließend werden der Atmosphäre dann Jahr für Jahr rund zehn Milliarden Tonnen des klimaschädigenden Kohlendioxids (CO2) entzogen. Zum Vergleich: In Deutschland wurden 2020 insgesamt 740 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen.



Im nächstbesten Szenario sinken die Emissionen langsamer. Daher akkumulieren sich mehr Treibhausgase und das Klima erwärmt sich um 1,8 Grad bis zum Jahr 2100. Wenn die Emissionen hingegen bis 2050 in etwa auf dem heutigen Niveau bleiben und erst dann zurückgehen, ist es laut IPCC in 80 Jahren 2,7 Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit.

Mit jedem Zehntelgrad nehme die Zahl an extremen Wetterereignissen zu. Sehr hohe Temperaturen, die in der vorindustriellen Zeit alle 50 Jahre aufgetreten sind, seien heute alle zehn Jahre zu beobachten. Wenn sich das Klima um 1,5 Grad erwärmt hat, werde es alle sechs Jahre dazu kommen. Auch Starkregen und Dürren würden mit jedem Zehntelgrad häufiger.

Die Höhe des Meeresspiegels ist letztlich eine Funktion der Erwärmung. Im besten Fall liegt dieser im Jahr 2100 rund 40 Zentimeter über dem heutigen Niveau. Wenn die Emissionen nicht ab sofort schnell sinken, sei der Meeresspiegel dann 60 Zentimeter höher als heute.
Die deutschen Klimaschutzziele

Die Bundesregierung hat den Weg Deutschlands zu Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts in diesem Jahr im Klimaschutzgesetz verankert. Danach soll der Treibhausgasausstoß bis 2030 um 65 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 verringert werden, bis 2040 um mindestens 88 Prozent. 2045 soll Deutschland demnach Klimaneutralität erreichen, also nur noch so viele Treibhausgase ausstoßen wie wieder gebunden werden können. (dpa)

Hinzu kommt die Gefahr, einen Kipppunkt zu erreichen: "Abrupte Reaktionen und Kipppunkte des Klimasystems, wie etwa stark erhöhtes Abschmelzen des antarktischen Eisschildes und das Absterben von Wäldern, können nicht ausgeschlossen werden", heißt es im Bericht. Und auch hier geht es wieder um jedes Zehntelgrad: "Die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen mit geringer Wahrscheinlichkeit, aber sehr großen Auswirkungen, steigt mit zunehmender Erderwärmung", so der Weltklimarat.

Neu ist das alles nicht – und kann es auch nicht sein, denn der IPCC trägt in seinen Berichten das bestehende Wissen zur Klimakrise zusammen.

Fluten und Brände um die Welt geben laut Umweltorganisationen einen Vorgeschmack auf das, was der Klimawandel mit sich bringe. "Der Bericht zeigt, dass dieses Jahrzehnt wirklich unsere letzte Chance ist, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen", sagt Helen Mountford von der Umweltorganisation WRI.
Weltklimarat

Der Weltklimarat ist das führende internationale Gremium zu wissenschaftlichen Fragen und Antworten rund um die Erderwärmung. Mit seinen Berichten sorgt er immer wieder für Aufsehen. Seit seiner Gründung im Jahr 1988 veröffentlichte der Rat mit Sitz in Genf fünf große Sachstandsberichte und mehrere Sonderreporte zum Klimawandel, etwa zu dessen Auswirkungen auf die Landnutzung. In die Papiere des Gremiums fließen die Erkenntnisse Hunderter Fachleute zur Erderwärmung ein. Die Dokumente geben Handlungsempfehlungen an die Politik und gelten als wichtige Grundlage für die internationalen Klimaverhandlungen. Ende 2007 erhielt der Rat zusammen mit dem Ex-US-Vizepräsidenten und Klimaaktivisten Al Gore den Friedensnobelpreis. (epd)

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