Hamburg

Der wohl älteste Paternoster der Welt rotiert wieder

dpa

Von dpa

Mo, 16. Mai 2022 um 21:42 Uhr

Panorama

Ein junger Kunsthistoriker hat in einem Hamburger Kontorhaus einen Fahrstuhl von 1908 entdeckt. Dieser wird sorgfältig instandgesetzt. Öffentlich zugänglich ist er allerdings nicht.

Es beginnt fast wie ein Indiana-Jones-Abenteuerfilm: Vor vier Jahren stößt der junge Kunsthistoriker Robin Augenstein auf einen alten Bauplan des Hamburger Flüggerhauses, eines historistischen Kontorbaus von 1908. Und entdeckt einen seit mehr als vier Jahrzehnten hinter einer Verschalung versteckten uralten Paternoster wieder.

Aufgeregt sucht der damals 28-Jährige Kontakt zum Mieter des Gebäudes und zum Denkmalschutzamt – und kann die zuständigen Leute von seiner Idee überzeugen. "Wir sind mit Taschenlampen runter in den Keller gestapft und standen plötzlich vor diesen Zahnrädern", erinnert sich Augenstein mit noch immer spürbarer Begeisterung. Denn allein die urige Mechanik im Sechs-Etagen-Haus in Hafennähe wirkt geradezu sagenhaft.

Durch sein Engagement ist ein vergessener Paternoster aus seinem Dornröschenschlaf geweckt worden. Und gilt nach seiner Restaurierung als der wohl weltweit älteste, original erhaltene Personen-Umlauf-Aufzug. Diese rotieren unablässig über die Stockwerke, damit Nutzer jederzeit zu- und aussteigen können. Geschmeidig gleiten soll der Aufzug, wie ein Rosenkranz über die Hand von Gläubigen – ein Paternoster ("Vaterunser") eben.

Zehn elektrobetriebene Zahnräder aus massivstem Stahlguss, eines davon gut 1,50 Meter hoch, bilden die Grundlage für ein System mit zwei dicken, bis ins Obergeschoss parallel laufenden Ketten. An ihnen hängen 14 Kabinen für je zwei Personen aus auf Mahagoni gebeiztem Weichholz.

"Hier handelt es sich eher um ein Standardmodell, aber es ist ein besonders schöner und in der Bauform in Deutschland einmaliger Paternoster", erklärt Augenstein, der seine Doktorarbeit über den Denkmalwert alter Aufzüge schreibt.

Als ältester erhaltener Paternoster der Welt läuft der Aufzug des Flüggerhauses nun dem des Wiener Hauses der Industrie von 1910 den Rang ab. Da fügte es sich, dass inzwischen ein Investor das alte Kontorgebäude gekauft hatte und renovieren ließ. Die Firma war bereit, die Wiederherstellung des Paternosters zu veranlassen und die Kosten von einigen hunderttausend Euro zu tragen.

Bis September sollen die Arbeiten dauern. Denn derzeit ist der Aufzug zwar betriebsfähig. "Es fehlt nichts. So wie er jetzt läuft, lief er immer", sagt Augenstein über das nur leise surrende Gefährt, das für eine Umrundung aller Etagen vier Minuten braucht. Doch aufgrund technischer Vorgaben erhalten die Kabinen noch Decken, außerdem werden Hohlraumkabinen eingebaut. Man soll eben nicht in den Schacht hineinfallen können. Um weiterhin die Sicht auf die alte Technik zu ermöglichen, bestehen die neuen Teile aus Plexiglas. "Was dann fertig ist, ist wirklich das Original und nicht etwas Nachgebautes", urteilt der Kunsthistoriker.

Auch das Flüggerhaus dürfte nicht zum Hotspot für Paternoster-Fans werden. Denn es ist nicht öffentlich zugänglich – allein Fahrten an einem "Tag des offenen Denkmals" stellt der Eigentümer in Aussicht. Aufgrund amtlicher Bestimmungen müsste sich jeder Benutzer dann eine Einweisung in das richtige Fahrgastverhalten gefallen lassen. Dabei dürfte jedoch kaum noch gelten, was ein Metallschild an der Holzverkleidung besagt: Die Geldstrafe bei Zuwiderhandlung müsse in Goldmark gezahlt werden.