Wie der Berliner Jude Rolf den Nazis entkam

Der Letzte erzählt vom Glück

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Sa, 03. Januar 2009 um 00:30 Uhr

Deutschland

Es ist ein Glück, wenn man Herrn Joseph kennenlernt. Weil er er seine Geschichte erzählt. Er tut dies ohne Bitternis. Rolf Joseph hat die Nazizeit überlebt, als Jude in Berlin. Das Erzählen tut weh. "Ich muss das machen", sagt er. "Meine Uhr läuft ab."

Sieben Tage hat die Woche, außer bei Herrn Joseph. Da hat sie sechs und den Mittwoch. Der Rhythmus stockt ein wenig am Mittwoch, wenn auch unmerklicher mit den Jahren. Das Herz schlägt ein bisschen anders am Mittwoch. Das ist so geblieben, danach.

Es ist ein Mittwoch im Dezember, und in diesem Fall ist der Wochentag ein Zufall. Herr Joseph tut das Beste, was man seiner Meinung nach tun kann – an diesem, wie an jedem anderen Tag: erzählen.

Klein und aufrecht, den Kopf erhoben, sitzt er hinter dem Tisch in einem kühlen Konferenzraum, vor sich ein Mikrofon und ein Bündel Papier zwischen alten Aktendeckeln. Er hat ein fein gemustertes Wolljackett angelegt, das weiße Haar ist penibel frisiert. Die Füße, die nicht mehr so recht wollen, stecken in Lederpantoffeln. Die hellen Augen sehen bis ganz nach hinten. Vor ihm sitzen 60 Schüler, Gymnasium und Berufsschule, Studienfahrt in die Hauptstadt. Party nachts und tagsüber viel staubige Geschichte. Hinten haben sich die die Obercoolen hingesetzt, wie immer. Die mit den Stöpseln im Ohr und der harten und brüchigen Kruste der Pubertät ums Gemüt.

Herr Joseph erzählt vom Mittwoch. "Leider gab es damals ja keine Handys", sagt er. Die Stille im Raum wird auf einmal aufmerksam. "Aber mein Bruder und ich wollten ja wissen, ob der andere noch am Leben ist. Also haben wir uns verabredet. Jeden Mittwoch auf dem Nettelbeckplatz."

Ein Mädchen aus der hinteren Reihe steht auf und setzt sich weiter nach vorn. Die Geschichte hat soeben ein Gesicht bekommen. Das möchte sie sehen. Das Gesicht von Herrn Joseph ist eins ohne Zorn und Bitterkeit. So erzählt er auch seine Geschichte. Freundlich, ruhig. Es ist eine Geschichte voller ...

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