Reportage

In Rüsselsheim betreibt eine Frau mit Down-Syndrom ihren eigenen Imbiss

Jonas Hermann

Von Jonas Hermann

Di, 06. Mai 2014 um 00:00 Uhr

Panorama

Eine Behinderte betreibt einen Imbiss, doch das Geschäft läuft ausgesprochen mies – dann verändert ein Beitrag in einem Radiosender ihr Leben.

Was braucht es, damit 70 Fußballfans eine behinderte Frau besuchen und ihr Geschenke mitbringen? Im Januar war Silvia Krügers Welt noch grau wie der Winterhimmel. Ihre "Imbiss-Oase" im hessischen Rüsselsheim blieb ohne Kundschaft, tagelang. Die "Imbiss-Oase" ist die Antwort auf einen Arbeitsmarkt, der Behinderte am liebsten in der Behindertenwerkstatt sieht.

Dort wollte Silvia Krüger nie hin. Den Grund dafür zu nennen, fällt ihr schwer. "Formulieren kann ich nicht so richtig", sagt sie gequält. Silvia Krüger hat das Downsyndrom, einen folgenreichen Gendefekt. 35 Jahre ist sie alt, klein und rundlich. Blonde Haare rahmen ihr Gesicht, das sie sekundenlang zur Grimasse verzieht, wenn ihr etwas nicht einfällt. In solchen Momenten wirkt sie wie ein Kind. Sonst ist sie eine normale Frau: tanzt, schaut "Tatort", lackiert sich die Nägel. Sie spielte im Jugendorchester und war Deutsche Meisterin im Kraftdreikampf.

Ihren Imbiss betreibt sie bereits seit acht Jahren, doch meist blieben die Würste eingeschweißt liegen, der selbst gemachte Waffelteig wurde unbrauchbar. "Dann kam Hit Radio FFH und ließ die Bombe platzen", sagt ihre Mutter. Im Appellstil berichtete der Sender über den Imbiss in Not. Der Beitrag verbreitete sich virusartig auf Facebook. Seitdem klingelt die Kasse öfter denn je.

Man kann irgendwo eine Wurst essen oder bei Silvia Krüger eine Wurst essen und sich dabei gut fühlen; weil man eine Frau unterstützt, die nicht ins Räderwerk der Marktwirtschaft passt. Ein astreines Gewissen beim Wurstessen – das ist heute gar nicht mehr so leicht und deshalb ziemlich unschlagbar. Vielleicht schätzen die Leute aber auch die Niedrigpreise – Wurst 1,50 Euro – und die Gartenatmosphäre. Vor dem Haus, in dem Krüger mit ihrer Mutter lebt, ist der Imbiss in einer Holzbude untergebracht: Vier Meter Vordach, darunter fünf Bistrotische, auf dem Boden liegt grüner Filz. Es geht gemütlich zu, denn Silvia Krüger verrichtet jeden Handgriff so, wie es heute fast niemand mehr macht: langsam und gewissenhaft.

Auch das Fernsehen war inzwischen da. Silvia Krüger schaute nicht richtig in die Kamera, sprach unbeholfen. RTL untertitelte jedes Wort, das sie sagte – dabei ist Silvia Krüger gut zu verstehen. Aber solche Grenzüberschreitungen kennt die Familie. Adeline Krüger erinnert sich noch, was der Arzt ihr nach Silvias Geburt sagte: "Wissen Sie, was mit dem Kind los ist? Das ist ein Idiot." Das sei gewesen, als ob man ihr mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen hätte, sagt Adeline Krüger. Aber der Schlag verfehlte die Mutterliebe und schrammte auch an ihrer Durchsetzungskraft vorbei. Sie setzte sich dafür ein, dass Silvia die Grundschule besuchen durfte; mit Betreuungslehrer.

"Ich danke Gott jeden Tag, dass ich Silvia habe", sagt Adeline Krüger. Anfangs empfand sie nicht so. Nur einer ihrer Töchter erklärte sie, wie es um Silvia bestellt ist. Ihren anderen vier Kindern sagte sie nichts. Das große Ziel einer Mutter mit behindertem Kind? Normalität; zumindest ein bisschen, bitte. Und Silvia Krüger wuchs so normal auf wie möglich. Das Wort "behindert" gab es nicht im Wortschatz der Familie.

Ihre Tochter fühle sich nicht behindert, sagt Adeline Krüger. Deshalb will sie nicht in die Behindertenwerkstatt. Silvia Krüger träumt von einem Job im Büro, doch sie hat keinen Schulabschluss. Als sie einen kaufmännischen Lehrgang besuchen will, gibt es Schwierigkeiten. Positive Bescheide müssen her. "Die haben uns dann zu so ’nem Klapsmühler geschickt", sagt Adeline Krüger. Als der ihre Tochter sieht, fragt er: "Sagen Sie mal, haben Sie keine Vorsorgeuntersuchung gemacht?"

Mediziner, die wie Nazis daherreden, Grabenkämpfe mit Behörden – all das wurde vom ersten beruflichen Erfolg überstrahlt: Silvia Krüger durfte zum kaufmännischen Lehrgang und danach als Praktikantin in einem Schulamt arbeiten. Am Ende hieß es: "Wir können doch keine geistig Behinderte einstellen." Es folgten drei Jahre als Hilfsarbeiterin in einem Industriebetrieb. Dann machte der Betrieb zu. Silvia Krüger schrieb stapelweise Bewerbungen, doch niemand traute ihr etwas zu. Schließlich kam ihrer Mutter der Einfall mit dem Imbiss.

12:30 Uhr, Thomas Rau trinkt sein Feierabendbier in der "Imbiss-Oase". Der Mann trägt noch immer seine grellgelbe Sicherheitsweste, er kommt direkt vom Schichtdienst am Frankfurter Flughafen; Frachtabfertigung, Knochenarbeit. Rau erzählt von der Arbeit, den Piloten, von denen da oben, und denen da unten. "Der gesellschaftliche Zusammenhalt nimmt ab", sagt er. Man habe kein Verständnis mehr für die Situation der anderen, sagt er mit Blick auf Silvia Krüger. Rau saß schon in der "Imbiss-Oase", als die Gäste sich noch alle persönlich kannten. Inzwischen kommen viele Kunden, die hier kurz vorbeischauen. Einer ist extra in seiner Mittagspause aus dem Nachbarort rübergefahren. Heute hat Silvia Krüger in vier Stunden 47 Euro eingenommen. Mehr als früher in einem miesen Monat.

Doch Kriminelle haben den Imbiss nun auch auf dem Radar. Kürzlich wurde eingebrochen – Handy, Kasse und 150 Euro weg. Nachdem sie im Radio davon gehört hatten, fuhren 70 Fußballfans von Darmstadt 98 nach Rüsselsheim und brachten Silvia Krüger eine Kasse und ein Handy mit. Und Hunger und Durst hatten sie auch. Ein paar Tage später stiehlt jemand 50 Euro aus der Imbisskasse, direkt vor den Augen von Silvia Krüger.

Silvia Krüger ist nun die bekannteste Frau in Rüsselsheim. Die Leute finden sie prima. Vielleicht ist es vor allem ihre Botschaft, die sie prima finden. Die Botschaft ist edel und verheißungsvoll: Man kann auch mit einem schweren Los glücklich sein, sofern die anderen solidarisch sind. Daran glaubt jeder gern.