Münster

Deutschlandtag der Jungen Union: Laschet geht – wer kommt?

Sebastian Xanke

Von Sebastian Xanke

So, 17. Oktober 2021 um 22:01 Uhr

Deutschland

Beim Deutschlandtag der Jungen Union in Münster treten altbekannte Anwärter für den CDU-Vorsitz auf. Die Jungen träumen von einem Hoffnungsträger.

Friedrich Merz steht an diesem Wochenende gut gebräunt und schlaksig in der großen Messehalle von Münster. Die Junge Union (JU) hat als gemeinsame Nachwuchsorganisation von CDU und CSU zu ihrem Deutschlandtag geladen. Es ist die erste wichtige, bundesweite Parteiversammlung nach der krachenden Wahlniederlage der Union bei der vergangenen Bundestagswahl. Wo sich in wenigen Monaten Deutschrapper Capital Bra über Reichtum, tanzende Frauen und Fußball auslassen wird, dröhnt dem Vizepräsidenten des CDU-Wirtschaftsrats Merz nun "Love me again" von John Newman aus den großen Lautsprecherboxen der Hauptbühne entgegen.

Es passt. Tilman Kuban, Bundesvorsitzender der Jungen Union, begleitet den 65-Jährigen zum Redepult. Auf dem Weg dorthin beklatschen ihn laut rund 300 JU-Delegierte. "I need to know now, know now. Can you love me again?", fragt John Newman und Kuban sagt passend dazu in Richtung Merz: "Es ist schon ein bisschen wie vor zwei Jahren." Vor zwei Jahren, 2019, war der Sauerländer nach seiner Rede auf dem damaligen Deutschlandtag von weiten Teilen der Jungen Union mit frenetischen "Oh, wie ist das schön"-Gesängen gefeiert worden.

Was darauf folgte, ist Geschichte. Die Junge Union sprach sich für Merz als Bundesvorsitzenden der CDU aus, doch der scheiterte an Armin Laschet. Und jetzt? Jetzt gilt Merz wieder als Anwärter für den Parteivorsitz. Als erster großer Redner nach Kuban auf dem Deutschlandtag hat der Bundestagsabgeordnete noch immer Gewicht. Doch seine Rede verhallt. Während Merz über "Ökologie und Ökonomie", dann über soziale Sicherungssysteme spricht, reden viele Delegierte mit ihren Sitznachbarn oder blättern Unterlagen durch. Begeisterung sieht anders aus. Einige JUler äußern Enttäuschung über ihren einstigen Hoffnungsträger.

Friedrich Merz steht an diesem Deutschlandtag symbolisch dafür, wie weit sich Teile der Alten von den Jungen in der Union entfernt haben. Nach dem schlechten Abschneiden bei der Bundestagswahl wurden auch Stimmen aus der Parteispitze laut, die JU habe die Niederlage mitzuverantworten. Die jungen Konservativen traf das hart, sehen sie sich doch selbst als diejenigen, die den Wahlkampf im Kleinen vielerorts erst möglich gemacht haben. "Wenn man Undank definieren möchte, dann genau so", sagt Tilman Kuban dazu.

Es ist ein grundsätzliches Gefühl, das sich durch die Reihen der Delegierten zieht. Gesprochen wird von einer von der Öffentlichkeit entkoppelten "Berliner Blase", einem selbstgefälligen, organisatorisch schwachen Konrad-Adenauer-Haus. Kritik, die auch an den gescheiterten CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet gerichtet ist.

In seiner Rede auf dem Deutschlandtag bekennt dieser klar, alleine die Verantwortung für das schlechte Wahlergebnis zu tragen: "Nichts lässt sich schön reden. Die Verantwortung trage ich als Vorsitzender und Kanzlerkandidat." Das beeindruckt die Jungen. Immer wieder wird Laschet dafür in den folgenden Redebeiträgen gelobt – Söders kurzfristige Absage, nicht nach Münster zu kommen, und seine Sticheleien während des Wahlkampfes gegen Laschet werden dagegen verurteilt. Die innere Zerrissenheit der CDU hat auch die Junge Union mürbe gemacht. Es brauche einen besseren Zusammenhalt in der Partei, heißt es nun. Und zudem offenere Ohren für die Parteibasis.

Auch deshalb positioniert sich die Nachwuchsorganisation nun klar für eine Mitgliederbefragung, was den künftigen Parteivorsitz angeht. Die jungen Konservativen dürstet es nach Aufbruch, nach einem Neuanfang. Der einst geliebte Friedrich Merz sei "zu alt und verbraucht", für Norbert Röttgen gelte Ähnliches, Jens Spahn ist in den Augen vieler als Gesundheitsminister in der Pandemie vorbelastet. Damit sind die bekanntesten Anwärter für einen möglichen Parteivorsitz aus dem Rennen. In Bezug auf Friedrich Merz wird Tilman Kuban gegenüber zwei TV-Sendern noch deutlicher: Dieser sei "ein kluger Kopf, der sicherlich als Berater und Unterstützer mit dabei sein kann". Kein Mann für den Vorsitz, heißt das. Wer also bleibt?

Die Antwort zeichnet sich am Samstagmittag beim "Pitch 2.0 – Plan für den Neuanfang" ab. Die Halle Münsterland betritt Carsten Linnemann. Der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion ist nicht als Hauptakt eingeplant, wie es Gesundheitsminister Jens Spahn, Armin Laschet oder Friedrich Merz vor ihm waren. Trotzdem brandet Applaus auf, einzelne "Olé, olé"-Rufe dringen durch die Halle. Mit leichten Schritten geht Linnemann die Bühne herauf, wartet lächelnd ab, bis die klatschenden, noch immer stehenden Delegierten fertig sind. Kuban nennt ihn "Zukunftsgesicht".

Sieben Minuten hat der 44-Jährige nun Zeit, seine Visionen, seine Ideen darzulegen. Für die Reden der Parteigranden waren je rund dreißig Minuten eingeplant. Linnemann beginnt, lobt die Debattenkultur der Jungen Union und stößt aus Sicht der Delegierten in die richtige Richtung: "Ich will, dass in Zukunft nicht das Kanzleramt entscheidet, sondern die Partei." Der Bundestagsabgeordnete spricht über Arbeit, Wirtschaft und Werte. Plötzlich tönt ein Signal. Die sieben Minuten sind um. "Soll ich weiter reden?", fragt Linnemann. "Ja", rufen die jungen Delegierten. Er fährt noch gut anderthalb Minuten fort, dann ist er fertig – und hat Eindruck hinterlassen. "Ich glaube, Carsten Linnemann wäre mehrheitsfähig in der Jungen Union", sagt Florian Slopianka vom Landesverband Schleswig-Holstein. Der 24-Jährige trägt an seinem Jackett einen Aufsteckknopf mit den Worten "Gendern, nein danke!" und macht deutlich: "Carsten Linnemann ist jung, dynamisch und unverbraucht."

Zustimmung gibt es auch aus Baden-Württemberg. Stefanie Sonnentag von der Jungen Union Hohenlohe verweist aber gleichzeitig auf Ralph Brinkhaus. Als letzter großer Redner auf dem Deutschlandtag wird der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag warm von den Delegierten empfangen. "I could show you, what you want to see and take you, where you want to be", läuft im Hintergrund, als Brinkhaus die Bühne betritt. Er gilt als Brücke zur CSU, steht für Zusammenhalt, kommt aber beim Publikum im Gegensatz zu Linnemann nicht überzeugend an.

"Linnemann würde wieder einen starken wirtschaftlichen Akzent setzen", sagt die 26-jährige Sonnentag, die schon seit elf Jahren in der JU aktiv ist. Das zählt für viele junge Konservative. Die einhellige Meinung: Die Union müsse sich wieder einen klaren Markenkern herausarbeiten. Eine Empfehlung für den Bundesvorsitz der CDU könnte nach dem Wirtschaftspolitiker Friedrich Merz künftig also der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Carsten Linnemann, von der Jungen Union bekommen. Selbst hat er sich allerdings noch nicht zu den Spekulationen geäußert.