Hongkong

Die 25-jährige Yau Wai-Ching ist die neue Hassfigur der chinesischen Kommunisten

Finn Mayer-Kuckuk

Von Finn Mayer-Kuckuk

Di, 08. November 2016

Ausland

Eine 25-jährige Hongkongerin ist die neue Hassfigur der chinesischen Kommunisten .

Yau Wai-Ching ist derzeit die provokativste Figur der chinesischen Welt. Sie ist mit 25 Jahren zugleich die jüngste Frau, die je in Hongkong zur Abgeordneten gewählt wurde. Jetzt haben die Mandarine, die chinesischen Beamten, in Peking über die Köpfe der Hongkonger hinweg entschieden, dass Yau nicht ins Parlament der Stadt einziehen darf und damit die Stimmung unter den protestbereiten Studenten wieder angeheizt. Am Wochenende gab es bereits die ersten Demos – gegen Peking, für Yau.

Der Konflikt um die einstige britische Kronkolonie Hongkong spitzt sich wieder zu. Bei der Rückgabe der südchinesischen Hafenstadt hatte China zugesichert, dort nach dem Grundsatz "Ein Land, zwei Systeme" eine Demokratisierung zu erlauben. Junge Hongkonger, die die kommunistische Regierung beim Wort nehmen, haben im September nun Abgeordnete wie Yau gewählt, die offen für mehr Unabhängigkeit der Stadt eintreten.

Dass Yau jetzt doch nicht an den Parlamentssitzungen teilnehmen darf, liegt an ihrem Verhalten bei der Vereidigung als Abgeordnete. Statt brav ihre Treue zu Hongkong und der Volksrepublik China zu schwören, hat sie Faxen gemacht, unverständliche Sachen gemurmelt und auf die "verfickte Republik Shina" geschworen.

Yau provoziert bei ihrer Vereidigung Peking

"Shina" ist ein Begriff, den japanische Nationalisten abwertend für China verwendet haben. Was Yau damit sagen wollte, ist nicht so ganz klar. Sie hat dem konservativen Parlamentspräsidenten damit jedoch auf jeden Fall Gelegenheit gegeben, die Vereidigung für ungültig zu erklären. Damit war unklar, ob Yau nun der Stadtversammlung angehört oder nicht. Der Nationale Volkskongress in Peking hat in Hongkonger Verfassungsfragen das letzte Wort – und sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, gegen Yau zu entscheiden. Prompt kocht in diesen Tagen wieder der Ärger über das Eingreifen der Kommunisten in die Angelegenheiten der Finanzmetropole hoch.

Yau war eine unauffällige Büroangestellte, bevor sie sich vor ziemlich genau zwei Jahren politisierte. Sie gehörte zu den ersten Demonstranten, die in der Hongkonger Innenstadt die Straßen absperrten, um gegen den steigenden Einfluss Pekings in ihrer Stadt zu protestieren. Damals störte sie sich an der Volksfestatmosphäre der nächtlichen Zeltlager.

Als der Protest sich auflöste, ohne dass die Regierung auch nur auf eine einzige Forderung der Demonstranten eingegangen wäre, war sie tief enttäuscht – und beschloss, sich intensiver zu engagieren. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete sie die Partei "Youngspiration" und stellte sich erfolgreich zur Wahl. In einer Stellenanzeige verlangt sie "die Bereitschaft, sich für politische Ideale verhaften zu lassen" von Mitarbeitern, die sich für eine Assistentenstelle bewerben.

Yau ist einen entscheidenden Schritt radikaler als andere prominente Aktivisten wie Joshua Wong und seine neu gegründete Partei Demosisto. Während Wong die Verhältnisse auf Grundlage des bestehenden Systems verbessern will, tritt Yau offen für Unabhängigkeit von Rotchina ein – deshalb auch ihre Verweigerungshaltung gegenüber den Parlamentsgepflogenheiten.

Die Forderung nach Unabhängigkeit für einen Teil Chinas ist immer eine brandgefährliche Position: Auf Abspaltertum stehen Höchststrafen, Peking hat bereits seine Propagandamaschine gegen Yau in Bewegung gesetzt: Yau sei "eine politische Eiterbeule", die man ausquetschen müsse.

Mit dem Streit, den die streitbare Yau ausgelöst hat, beginnt nun ein neuer Akt in dem Drama um Hongkong. Schon sind Rufe nach neuen Großdemonstrationen zu hören. In Peking sinkt derweil die Geduld gegenüber den dreisten jungen Hongkongern.