Die Bilanz einer langen Kanzlerschaft

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Fr, 10. September 2021

Deutschland

BUCH IN DER DISKUSSION: Zwei Biografien über Angela Merkel kommen zu ganz unterschiedlichen Urteilen.

War sie eine gute Kanzlerin? Die Meinungen über Angela Merkel gehen weit auseinander. Wer sich aber ein Urteil bilden will, das nicht nur auf den Corona-Jahren oder der Flüchtlingskrise beruht, sollte nochmal zurückblicken. Auf die 16 Jahre ihrer Kanzlerschaft und auf die 16 Jahre Politik zuvor, auf die Details und die Grundzüge dieser so langen wie wechselhaften Zeit.

Eine Journalistin und ein Journalist haben Biografien über Merkel vorgelegt. Ursula Weidenfeld hat bei der Wirtschaftswoche gearbeitet, beim Tagesspiegel war sie Ressortleiterin Wirtschaft und stellvertretende Chefredakteurin. Ralph Bollmann war bei der Tageszeitung (taz) Leiter des Ressorts Innenpolitik, heute ist er bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Beide sind langjährige Beobachter der Kanzlerin, beide spannen den Bogen von Merkels Kindheit bis zur Corona-Epidemie. Aber Weidenfeld schreibt in politischer Absicht, Bollmann in historischer.

Nachdem Weidenfeld mit den biografischen Basics durch ist – die Pfarrerstochter, die in Distanz zum DDR-System aufwächst und Physikerin wird –, folgt sie einigen Linien der politischen Karriere Merkels. Die ersten Kapitel heißen "Männer" und "Frauen", sie sind Konkurrenten und Weggefährtinnen gewidmet. Die nächsten heißen "Erfolge" (wie die Rettung des Euro), "Fehler" (wie Merkels Gleichgültigkeit gegenüber der Bundeswehr und der Verteidigungspolitik), "Enttäuschungen" (wie der Satz "Wir schaffen das") und "Katastrophen" (wie die im Zusammenspiel mit den Ministerpräsidenten misslungene Bewältigung der Corona-Krise).

Schon das Übergewicht der letzten drei Kapital macht klar – Weidenfeld fällt kein positives Urteil über Merkel: "Sie kann alle strukturellen Probleme im Land – Klima, Rente, Gesundheit, Breitbandausbau, Bildung, Stadt-Land-Gefälle, Wettbewerbsfähigkeit – aus dem Kopf sehr präzise beschreiben. Doch das Risiko, den Wähler mit konkreten Politikvorstellungen von einem Wandel zu überzeugen, geht sie nicht ein." Merkel beobachte die Meinungsbildung, warte ab, bis sie sich verfestigt – und folge dem Mainstream. So habe sie die Koalitionsfähigkeit ihrer Partei stets erhalten, deren Tradition aber beiseite geschoben. Auch dem Land habe sie keine Orientierung gegeben. Es werde nun Zeit für "politische Ziele", so Weidenfelds Schlusswort.

Ralph Bollmann sieht das anders. Nicht Merkel sei schuld am Reformstau, sondern die "Veränderungsängste der Deutschen". Merkel habe aus dem Untergang der DDR gelernt, dass ein System nur überleben könne, wenn es zum Wandel fähig sei. "Die liberale Demokratie konnte nur überleben, so fand sie, wenn sie sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zeigte." Ihre Zweifel, ob Deutschland dazu in der Lage sei, seien im Laufe "vieler Amtsjahre" aber gewachsen. Daher ihr Politikstil: "Im Alltagsgeschäft investierte sie lieber kein politisches Kapital in Vorhaben, die ohnehin an den Beharrungskräften in der Gesellschaft zerschellen würden." Stattdessen habe sie sich der "Stabilisierung des Alten" verschrieben.

Wie nötig das wiederum war, schildert Bollmann sehr informativ. Mit seinen eng bedruckten 800 Seiten bietet sein Buch wesentlich mehr politische Details und historische Szenen als das von Weidenfeld.

Bollmann vollzieht zum Beispiel im Einzelnen nach, wie lange die Kanzlerin brauchte, um 2008 die Bedeutung der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers zu begreifen, wie sie dann aber auf die Dynamik der Finanzkrise reagierte, ihre Abneigung gegen Eingriffe des Staates in Märkte beiseite schob und zusammen mit Banken und ihrem Kabinett weitgehende Maßnahmen ergriff. Die Bewältigung der Lage gelang.

Merkels "vernunftgeleitete Politik", so urteilt Bollmann in seinem Schlusswort, habe "in den unruhigen Zeiten eine ungemein beruhigende Wirkung" gehabt. Es könne sein, "dass sich viele Menschen nach dieser Stabilität bald zurücksehnen werden".