"Die Erholung ist eine Frage der Zeit"

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

Sa, 21. März 2020

Wirtschaft

BZ-TELEFONAKTION:Experten empfehlen weiterhin Aktien, doch die Risikotoleranz und ein langer Zeithorizont werden wichtiger.

FREIBURG. Wie lege ich mein Geld angesichts einer bevorstehenden Wirtschaftskrise möglichst sicher an? Fünf unabhängige Vermögensverwalter haben bei der BZ-Telefonaktion Tipps für Sparer gegeben. Der Beratungsbedarf angesichts der Coronakrise ist enorm. Zwar gelten Aktien noch immer als Top-Anlage-Option. Doch Anleger müssen sich künftig auf stärkere Schwankungen einstellen.

» Die Aktienkurse haben kräftig nachgegeben. Was muss ich beim Einstieg in den Aktienmarkt beachten?
Das hängt von Ihrer Situation ab. Wie lange können Sie auf das Geld, das Sie in Aktien anlegen wollen, verzichten? Ich empfehle einen Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Sie sollten aber eine Risikotoleranz mitbringen. Wenn Sie jetzt einsteigen, könnte es sein, dass die Märkte, jetzt in der Coronakrise, nochmals zwischen zehn und 20 Prozent nachgeben. Können Sie das tragen? Irgendwann werden Sie aber auch wieder steigen. Deshalb ist ein längerer Horizont wichtig. Sie können sich überlegen, in Schritten einzusteigen, zum Beispiel monatlich mit 2500 Euro.

» Ich möchte 100 000 Euro anlegen. Ist jetzt nicht eine gute Gelegenheit, in Aktien zu investieren?
Ich würde nie das ganze Geld in Aktien investieren. Immer nur den Teil, auf den Sie auf absehbare Zeit verzichten können. Und Sie müssen davon ausgehen, dass die Aktienkurse weiter nachgeben – parallel zu den steigenden Coronafällen. Die Börse nimmt in der Regel Entwicklungen in der realen Wirtschaft vorweg. Hier spiegeln sich Erwartungen wieder. Sie müssen davon ausgehen, eine Zeit lang keinen Gewinn zu machen. Für einen Investor mit langem Atem ist es aber fast egal, ob sich die Börsenkurse in zwei Monaten oder in vier Jahren erholen. Fest steht, dass sich die Wirtschaft erholt. Es ist eine Frage der Zeit. Die Regierung und die Notenbank zeigen eine große Entschlossenheit, die Wirtschaft in der Krise zu stützen. Wenn die Krise vorbei ist, wird die Nachfrage nachgeholt und der Aktienkurs von Unternehmen mit stimmigem Geschäftsmodell wird nach oben gehen. Wichtig ist aber, dass ein Teil ihres Vermögens liquide ist. Rücklagen etwa für größere Reparaturen sind immer nützlich. Eine Richtgröße wäre es, ein Drittel der 100 000 Euro in Aktien zu investieren.

» In meinem Unternehmen werden 400 000 Euro für eine Lebensversicherung fällig, privat 200 000 Euro. Jetzt überlege ich, wie ich das Geld am besten streue. Ich überlege auch, eine Immobilie in Freiburg zu kaufen.
Für Ihre Firma ist Liquidität Gold wert. Ohne geht es nicht. Hier empfiehlt sich eine breite Streuung. Für das Privatvermögen sieht es anders aus. Da tun die Negativzinsen, die die Banken verlangen, weh und privat sind Sie nicht in diesem Maß auf Liquidität angewiesen. In Folge der Coronakrise werden sich mit Sicherheit in einzelnen Fällen Anleger von Immobilien in Freiburg trennen. Die Preise könnten etwas normaler werden, aber dass sie günstig werden, damit ist nicht zu rechnen. Wir erwarten ja keinen Zusammenbruch des gesamten Wirtschaftssystems.

» Wir haben 120 000 Euro in einen Aktienfonds und Schuldverschreibungen von Daimler, der Deutschen Bank und der Allianz-Versicherung angelegt. Wie sollen wir jetzt mit dieser Anlage umgehen?
Ihre Werte sind in einem Maß nach unten gegangen, wie sie es sich bei der Zeichnung wahrscheinlich nicht vorgestellt haben. Daimler und die Deutsche Bank sind enorm gefallen. Sie müssen aufpassen, dass Sie liquide bleiben. Sie sollten sich in Ruhe überlegen, wie groß Ihr Bedarf an Geld jetzt ist. Dann lautet die wichtigste Botschaft: so schnell wie möglich einen Termin mit ihrem Anlageberater machen und sich die Bedingungen, zu denen Sie die Schuldverschreibungen gezeichnet haben, erklären lassen. Da gibt es eine große Bandbreite an Ausgestaltungen. Dann steht die Entscheidung über den Verkauf an. Inhaberschuldverschreibungen sind risikoreich. Im Extremfall können sie ausfallen.

» Ich plane, im Zeitraum von ein bis drei Jahren ein Haus zu kaufen. In der Zwischenzeit möchte ich das Geld in einem Immobilienfonds anlegen.
Für diese kurze Zeit ist es schwierig, Kapital anzulegen. Die Kosten von einer Anlage in einem Immobilienfonds liegen zwischen drei und fünf Prozent Ihres Kapitals. Sie brauchen drei bis vier Jahre, bis Sie bei null sind. Erst dann beginnt sich der Fonds zu rechnen. Diese Zeit haben Sie wegen Ihres Hauskaufs aber nicht. Auch eine Anlage in Aktien empfiehlt sich in dieser kurzen Zeit nicht. Weil Sie liquide sein wollen, bietet sich am ehesten das Sparbuch an, auch wenn es da keine Zinsen gibt.

» Weil die Aktien jetzt günstig sind, überlege ich, in einen Indexfonds (ETFs – Exchange Traded Funds) zu investieren. Ist das ratsam?
ETFs sind jetzt kostengünstig, sie spiegeln den Wert des Dax wieder. Ich frage mich aber, warum Sie den ganzen "Eimer" kaufen wollen, statt sich zehn Werte gezielt herauszusuchen? ETFs sind passiv. Ihre Bestandteile sind fest. Bei aktiven Fonds verhält es sich anders. Da können jederzeit schwächere Werte ersetzt werden. Gerade unruhige Zeiten mit Schwankungen, auf die wir uns jetzt einstellen müssen, sind für Fonds, die gut gemanagt werden, das ideale Umfeld. ETFs sind eher was für stabile Phasen – so wie in den vergangenen elf Jahren. Wichtig ist aber, dass Sie nur einen Teil Ihres Vermögens in Aktien investieren.

» Ich habe 80 000 Euro geerbt und dieselbe Summe in einem Fonds angelegt. Jetzt überlege ich mir, die Erbschaft in Sachwerte anzulegen. Was wäre da sinnvoll?
Da die Inflation gegenwärtig höher ist als Zinsen, lohnt es sich über Sachwerte nachzudenken. Ein Blick in die Vergangenheit verrät, was auch in Zukunft auf die lange Sicht wahrscheinlich am rentabelsten ist. Wenn Sie vor 30 Jahren für 100 000 Euro eine Immobilie in einem Ballungszentrum beispielsweise in Süddeutschland gekauft hätten, dann hätten Sie heute den 2,86-fachen Wert. Dasselbe gilt für eine Anlage in Gold. Hätten Sie Aktien zum Dax-Wert investiert, hätten Sie heute den 8,5-fachen Wert. Vor drei Monaten, vor Beginn der Coronakrise, hätten Sie für Ihr Kapital sogar den 13-fachen Preis erzielt. Somit steht fest, dass Aktien langfristig das beste Produkt sind.

» Ich habe mir für eine größere Summe Gold gekauft. Was soll ich damit machen?Gold kauft man, um sich gegen Extreme abzusichern – also für den Fall eines Systemcrashs. Den sehe ich aber nicht. Zu Spekulationen ist Gold nicht geeignet. Ich empfehle, maximal fünf bis zehn Prozent des Kapitals in Gold anzulegen.

» Ich überlege, eine Immobilie zu verkaufen und das Geld – ich schätze 350 000 Euro – anzulegen. Was ist empfehlenswert?
Ich würde mir gut überlegen, ob es die richtige Entscheidung ist, die Immobilie zu verkaufen. Die Zinsen für Geldanlagen werden die nächsten fünf Jahre tief bleiben – vermutlich sogar die nächsten zehn Jahre. Eine Alternative wäre es, die Immobilie energetisch zu sanieren. Dafür kann man Fördermittel in Anspruch nehmen. Anschließend können Sie sie vermieten. Wenn Sie die Immobilie unbedingt verkaufen wollen, können Sie sie testweise zu einem hohen Preis anbieten. Sie müssen sie ja nicht verkaufen.

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