Zischup-Interview

Die Flucht aus dem damaligen Kriegsgebiet Kosovo

Erlinda Avdylaj, Klasse 8c, Goethe-Gymnasium Freiburg

Von Erlinda Avdylaj, Klasse 8c & Goethe-Gymnasium Freiburg

Mo, 23. März 2020 um 16:03 Uhr

Schülertexte

Die Mutter von Erlinda Avdylaj aus der Klasse 8c des Goethe-Gymnasiums in Freiburg hat den Kosovokrieg in den Jahren 1998 und 1999 miterlebt. Ihre Tochter hat sie dazu befragt.

Zischup: An welchem Ort hast du zu Beginn des Krieges gelebt?

Avdylaj: Zu diesem Zeitpunkt haben meine Familie und ich in einer Kleinstadt im Kosovo, die sich Decan nennt, gelebt.

Zischup: Wovor hattest du während der Kriegszeit am meisten Angst und was war das schlimmste Ereignis?

Avdylaj: Die Angst war immer da. Es traute sich kaum jemand auf die Straße, denn alle fürchteten sich vor den Bomben, die jeden Moment herunterfallen konnten. Ein schlimmes Ereignis für mich war, als im Frühling 1998 die Stadt Decan bombardiert worden ist. Wir packten hektisch das Notwendigste ein, da wir schnell fliehen mussten. Nachdem wir 20 Kilometer zu Fuß gelaufen waren, kamen wir in einem Dorf an, in dem sich 40 000 Menschen versammelt hatten. Dort hielten uns die serbischen Soldaten auf. Nach drei Nächten durften wir wieder zurück in unsere Häuser. Ein anderes schlimmes Ereignis war das Massaker von Racak, welches im Januar 1999 stattgefunden hat, bei dem viele Männer, Frauen und Kinder ums Leben gekommen sind.

Zischup: Was ist nach dem Massaker geschehen?

Avdylaj: Nach dem Vorfall hat sich die Nato am 24. März 1999 für Kosovo eingesetzt und hat Serbien angegriffen. Wenige Tage danach haben wir unsere Stadt Decan verlassen und sind auf einem Traktor mit einem Anhänger nach Albanien geflüchtet. Insgesamt waren wir 35 Personen auf dem Anhänger. Nach 48 Stunden sind wir in Albanien angekommen.

Zischup: Wie hast du dich gefühlt, nachdem du an einem sicheren Ort angekommen warst?

Avdylaj: Ich war sehr besorgt um meine kleine Schwester, die zu der Zeit noch mit meiner Großmutter in Kosovo war, denn eine Woche bevor wir losgefahren sind, besuchte sie meine Großmutter, die in einem anderen Dorf lebte. Aus diesem Grund war sie nicht bei uns.

Zischup: Wie habt ihr sie dann wiedergefunden?

Avdylaj: Es gab eine Fernsehsendung, in der man seine Vermissten suchen konnte. Auf diese Weise haben wir sie gefunden und sind dann direkt zu ihr nach Durres gefahren. Dort hat uns eine sehr freundliche und hilfsbereite Familie aufgenommen. Nach zweieinhalb Monaten, als der Krieg beendet war, sind wir wieder zurück nach Kosovo gefahren.

Zischup: Wie war es, als ihr wieder in Kosovo wart?

Avdylaj: Wir haben uns sehr gefreut, wieder in Kosovo zu sein, allerdings waren unsere Häuser komplett zerstört. Daraufhin haben uns Hilfsorganisationen aus verschiedenen Ländern geholfen, damit wir so schnell wie möglich wieder Wohnhäuser hatten.