Philosoph Hegel

Die Geschichte als Schlachtbank

Leonhard Fleischer

Von Leonhard Fleischer (Gundelfingen)

Sa, 05. September 2020

Leserbriefe

Zu: "Das Kreuz mit der Vernunft", Beitrag von Andreas Urs Sommer (Kultur, 27. August)

Mit seinem philosophischen Anspruch, "das vermeintlich Unvernünftige in den Status des Vernünftigen zu erheben" (Andreas Urs Sommer), zollte Hegel jenem tatsächlich zugleich amoralisch Tribut. Denn auf dem Weg zur Vernunft und Freiheit betrachtete er all die gewalttätigen Militär- beziehungsweise Herrenzyniker der Geschichte als notwendige "große Männer". Zu diesen müsste man dann in absurder Konsequenz auch Großverbrecher wie Hitler, Stalin und Mao zählen. Welch geistiger Wahnsinn!

Bei seinem Gerede vom Weltgeist betrachtete Hegel die Geschichte kritiklos als eine Schlachtbank und den Menschen als verbrauchbares Material. Er sprach ihm die Eigenwürde ab, obgleich diese gerade für das Christentum, das er in seine Geschichtsphilosophie integrieren wollte, von seinem Ursprung her konstitutiv ist. So erwies sich Hegel, dessen Geringachtung des menschlichen Individuums der französische Poststrukturalismus mit seiner These vom Tod des Subjekts teilt, als deterministisch-verantwortungsloser Herrschafts-"Philosoph". In dessen Rolle ließ er jedes Gespür für die Kategorie des "Einzelnen" vermissen, die sein Kritiker Kierkegaard hochhielt: der diese der Kategorie des "Bestehenden" kontrastierte, dem er die eingerichteten Gesellschaftsmächte inklusive der Staatskirche zuordnete, die den Befreiungsgeist Jesu verraten habe. Für einen Fortschritt der Welt hätte Hegel besser daran getan, im romantischen Sinne seiner Tübinger Stiftsfreunde Hölderlin und Schelling eine ganzheitlich-naturbezogene Weltsicht zu entwickeln. Leonhard Fleischer, Gundelfingen