Gewinner-Text Zisch-Schreibwettbewerb Herbst 2022

Die glücklichen Verbannten von Thaju

bzt

Von bzt

Sa, 26. November 2022 um 06:03 Uhr

Schreibwettbewerb

Von Liam Duri, Klasse 4, Drei-Linden-Grundschule, Außenstelle Nordweil, kenzingen

Einer von drei Gewinner-Texten des Zisch-Schreibwettbewerbes im Herbst 2022

Tief in einem asiatischen Urwald lebte ein friedlicher Stamm. Ursprünglich wohnten die Mitglieder des Stammes in der nahegelegenen Stadt Thaju. Doch als der Stadtrat einen neuen Stadtmeister wählte, beschloss dieser, den alten Meister namens Bahati Zisch und all seinen Anhänger für immer aus Thaju zu verbannen. Keiner des Stammes wusste warum. Doch Bahati und die anderen lebten glücklich in ihren Hütten aus Bambus, Schilf, Farn und anderen Dschungelpflanzen. Eines Abends saß Bahati, der außerdem der Stammeshäuptling war, in seiner Hütte, die er sich mit den Stammesältesten teilen musste, und betrachtete ein Paar zerfetzte Zeitungsartikel, die an der Wand hingen. Die Artikel erinnerten ihn stark an seine Jahrzehnte zurückliegende Jugend. Denn auf manchen Artikelbildern war er noch als Stadtmeister abgebildet.

Plötzlich wurde Bahati aus seinen Gedanken gerissen, denn der Stammesälteste kam den Blättervorhang, der als Eingang und zum Fernhalten von Moskitos diente, hereinstolziert. Der Stammesälteste hatte einen langen, weißgrauen Bart, eine zerlöcherte Stoffhose und war eingehüllt in einen wärmenden Umhang aus Baummarderfellen. In seiner faltigen Hand balancierte er eine Holzschale voll selbstgemachtem Wackelpudding mit dem Geschmack von exotischen Früchten. "Hier. Nimm, habe ich selbst gemacht!", sagt er. "Danke", antwortete Bahati. Er richtete sich auf und holte einen hölzernen Löffel und begann, los zu löffeln. "Ich muss noch kurz nach draußen, die Feuer, um das Lager anzuzünden. Es soll die Tiger fernhalten. Mit einem ausgewachsenen Tiger ist nicht zu spaßen", sagte der Stammesälteste und fuhr fort: "Aber lass mir noch etwas Pudding übrig, denn mein Magen knurrt schon seit einer halben Ewigkeit!" Der alte Mann griff nach einem Feuerstein, der neben einem Gewehr in der Ecke lag. Dann wandte sich der Stammesälteste um und ging mit dem Feuersteinbrocken hinaus in die kühle Nacht. Bahati ließ sich weiterhin den Wackelpudding schmecken. Erst als die Schüssel halb leer war, legte er zufrieden den Löffel bei Seite und legte sich in seine Hängematte aus zusammengenähten Gummibaumblättern. Er wartete auf den Stammesältesten, der sicher gleich zitternd vor Kälte in die warme Hütte platzen würde. Nach endlosen Minuten war der Stammesälteste immer noch nicht da und Bahati wurde etwas mulmig. "Wo steckte er bloß? Vielleicht braucht er Hilfe?", denkt er sich. Gerade überlegte Bahati, ob er aufbrechen und ihn suchen sollte, als plötzlich das Geräusch von Motoren erklang.

Vor Schreck purzelte Bahati von der Hängematte und viel rücklings auf den Boden. "Motoren? Und das mitten in der Nacht im Urwald?", fragte er sich und weiter: "Am besten ich sehe mal nach, man weiß ja nie." Somit streifte sich Bahati eine Schlangenlederjacke über, hob das Gewehr auf und schlich nach draußen. Das Erste was er bemerkte, war, dass kein Feuer brannte. Da vernahm er hinter sich ein bedrohliches Fauchen. Er drehte ich um. Die rubinartigen Augen eines riesigen Tigers funkelten ihn an. Blitzschnell sprang er zur Seite und schlug hart auf einem mit Moos bewachsenen Stein auf. Der Tiger sprang ins Leere und knurrte vor Zorn. Bahati schoss in die Luft und der Tiger floh sofort. Stöhnend richtete Bahati sich auf und ging weiter. Das Mondlicht schien schwach durch das Blätterdach und leuchtete ihm ein wenig. Da war es wieder, das Summen der Motoren. Er ging in die Richtung, aus der das Geräusch von vorhin wieder erklungen war. Da knackte es neben ihm und der hohe Mammutbaum neben ihm krachte zur Seite und begrub Bananenstauden und meterhohe Farne unter sich. Da tauchte vor ihm plötzlich der Stammesälteste auf und flüsterte außer Atem: "Da vorne sind bewaffnete Männer mit Motorsägen. Sie holzen den Urwald ab. Da ich gerade keine Waffe bei mir habe, konnte ich sie nicht aufhalten, den alten Baumriesen zu fällen." Bahati legte sich auf den pflanzenüberwucherten Boden und kroch mit dem Gewehr vor der Brust näher an den Mammutbaumstamm heran. Tatsächlich, vor dem Stamm standen drei lachende Männer mit Motorkettensägen in den Händen. Einer der Leute hatte ein modernes Gewehr an einem Ledergurt über den Rücken geschnallt. Bahati sprang auf und zielte mit seiner Waffe auf die Drei und sprach mit ruhiger Stimme: "Legt die Waffen nieder!" Der Mann mit dem Gewehr schnallte es ab und schleuderte es über die Schulter und ein anderer riss sich das Armband, das aus Würgedraht bestand, vom Arm und ließ es fallen.

Da ertönte das Geräusch von Propellern und ein Helikopter mit Suchscheinwerfern kreiste über den Dschungel. Es knisterte hinter Bahati Zisch. Er drehte sich um und bemerkte, dass die Männer vom Stamm hinter ihnen standen. Majasuh der Schamane sagte: "Wir haben einen Schuss gehört und sind sofort gekommen!" "Schnell, versteckt euch!" rief Bahati. "Nicht das sie uns suchen!" Sie krochen ins Dickicht und beobachteten, wie sich Männer in Tarnkleidung von dem Hubschrauber abseilten. Gezielt marschierten die Polizisten auf die drei entwaffneten Holzdiebe zu und nahmen diese fest. Gut verschnürt verfrachteten sie die Halunken in den Helikopter und knatterten davon.

Erleichtert, hungrig und erschöpft stolperten die Männer des Stammes um Bahati Zisch zurück ins Dorf. Dort hatten die Frauen und Männer ein Festessen vorbereitet froh darüber, dass der Helikopter nicht sie gesucht hatte. Es wurde viel gegessen, getrunken und gesungen.
Glücklich darüber, dass die Holzdiebe gefasst waren und der Urwald bis auf den einen Baum verschont blieb, tanzten und feierten alle Stammesmitglieder bis zum Morgengrauen.