Die Kraft der Imagination

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Mi, 10. August 2022

Kunst

"Die Maler des Heiligen Herzens" – Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt sehenswerte Outsider-Kunst.

Sie waren Postbote, Zöllner oder Lastenträger, arbeiteten als Putzfrau, Knecht und Ringkämpfer auf Jahrmärkten. In ihrer Freizeit malten sie – zum eigenen Vergnügen, aber nicht ohne Erfolg. Ihre Bilder wurden gekauft. Einige dieser "Sonntagsmaler" konnten irgendwann von ihrem Freizeitvergnügen leben. 1928 wurden Werke der "Maler des Heiligen Herzens" erstmals gemeinsam, in einer Gruppenausstellung in Paris, präsentiert. Der Name ist unpassend, ja, irreführend. Denn keineswegs handelte es sich bei den Autodidakten um eine religiöse Künstlervereinigung. Eigentlich bildeten sie überhaupt keine Vereinigung; die meisten kannten sich nicht einmal. Der ihnen den Namen gab und sie, übrigens rein imaginär, zu einer Gruppe zusammenführte, war der Sammler und Kunstliebhaber Wilhelm Uhde. Ein etwas wunderlicher Kauz: Der Galerist ohne Fortüne vergaß zum Beispiel einmal, auf der Einladungskarte zu einer Ausstellung die Adresse seiner Galerie zu vermerken.

Als junger Mann war Uhde 1904 von Preußen nach Paris gekommen. Bald verkehrte er in den, wenn man so will, besten Kreisen der Pariser Avantgarde. Als einer der ersten kaufte er Picasso ein Bild ab und stellte ihn aus. 1905 war das.

Später ließ er sich von ihm porträtieren. Uhde kannte auch Henri Rousseau, den Zöllner. Und er sollte noch eine ganze Reihe weiterer nicht akademisch ausgebildeter Künstler kennenlernen. Ihre Kunst begeisterte ihn derart, dass er sie nicht nur förderte, sondern ihre Werke ausstellte. Maler des Herzens waren sie für ihn in der Ursprünglichkeit und Spontaneität intuitiven Schaffens. Solche unverbildete Kreativität stellte Uhde bald über die wohlüberlegte, bildstrategische Arbeit der Avantgarde. Heilig war nicht das Herz der Maler. Heilig war – gerade ihm, Uhde – solches Schaffen aus den Tiefen des Gefühls heraus.

Fünf der Künstler, unter ihnen Henri Rousseau, versammelt das Museum Frieder Burda in Baden-Baden in einer von Udo Kittelmann kuratierten, unbedingt sehenswerten Ausstellung. Man kann die Künstler des Quintetts (ausgenommen natürlich Rousseau, der es zu Weltruhm brachte) einer zu Unrecht vergessenen Moderne zurechnen. Die Liste wesentlicher Künstler des 20. Jahrhunderts, die nie eine Kunstakademie von innen sahen, sie bedarf dringend der Erweiterung.

Die Exponate stammen aus der Sammlung Charlotte Zander. Auch Werke aus den Sammlungen Scharf-Gerstenberg sowie der Fondation Beyeler (wie Rousseaus grandios-großformatige Dschungelimagination) fanden den Weg an die Oos.

Naive Kunst, auch Outsider-Art oder Art brut genannt, gilt als nicht voll satisfaktionsfähig. Doch die womöglich mangelhafte Beherrschung technischer Mittel macht solche Kunst durch die Kraft der Imagination wett – wie im Falle André Bauchants und Louis Vivins. Die Stereotypie in der Menschendarstellung von Bauchants antik-religiösen Szenen – die Schlacht von Marathon, der Jesusknabe im Tempel – wird aufgewogen durch Ausdruck. Eindrücklich nicht zuletzt das Selbstporträt über einem Blumenmeer; tiefgründig und ausdrucksstark seine melancholische "Familie". Louis Vivin wiederum ließe sich bequem mangelndes malerisches Vermögen nachweisen. Sein "Begräbnis meines Vaters" berührt dennoch.

Séraphine Louis malte kühn einen Zitronenmond: ein gelber Kreis auf schwarzem Grund ("Lune citron", 1930/31). Eindrucksvoll sind ihre Blumen- und Früchtebilder. Man möchte Louis das Urheberrecht an der für die Moderne so bedeutsam gewordenen Darstellungsform des Allovers zuerkennen. Jahrzehnte vor Jackson Pollock füllte sie ihre zumeist großformatigen Leinwände bis an den Rand mit stark stilisierten, verfremdend gemalten Blumen und Blüten.

In Henri Rousseaus dunkeltonig-melancholischen Landschaftsszenerien spricht sich die Erfahrung einer übermächtigen, im Park lediglich oberflächlich gezähmten Natur aus. Der Mensch ist hier häufig zum Insekt geschrumpft. Vergleichbare Ohnmacht im Verhältnis zur inwendigen Natur: "La belle et la bête" belegt das.

Fast auf eine Ebene mit Rousseau möchte man Camille Bombois, den ehemaligen Ringkämpfer, mit seiner ganz anders gearteten Malerei heben. Traumgleich und wunderschön: "Surprises" mit zwei nackten Badenden, ausdrucksstark die "Nackte mit Collier"; glänzend, auch kompositorisch, "Hinter dem Vorhang" mit Tänzerin und Clown. Und das Porträt der Ehegattin: bestechend in seiner sinnenfrohen Coolness, die öfter zu beobachtende Verformung des menschlichen Körpers modernistisch kühn.

Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden. Bis 20. November, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr.