Die lange Geschichte der Habsburger

Harald Loch

Von Harald Loch

Di, 04. Mai 2021

Literatur & Vorträge

Der Historiker Martyn Rady hat ein großes Buch über Aufstieg und Fall des Fürstengeschlechts und seines Reichs geschrieben.

Was für eine lange Geschichte! Angefangen hat sie im schweizerischen Aargau noch vor dem Jahr 1000, und sie endete mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Eine solche Zeitspanne zu überblicken, ist schon schwierig, sie historiographisch auf gut 600 Seiten darzustellen eine Meisterleistung. Die vollbringt der britische Historiker Martyn Rady in seinem Buch "Die Habsburger – Aufstieg und Fall einer Weltmacht".

Eine leserfreundliche Geschichtsschreibung verlangt einen ständigen Wechsel zwischen eher beiläufiger Erzählung und vertiefender Darstellung. Rady trennt plausibel Wichtiges von ihm eher nebensächlich Erscheinendem. Er setzt Kenntnisse voraus und holt seine Leser andererseits bei Vertrautem ab. So beginnt sein Buch mit dem Sichtbaren, das in rund 50 Schwarz-Weiß-Abbildungen den ganzen Text illustriert: "Die Hofburg, das Winterpalais der Habsburger, ist heute die wichtigste Touristenattraktion Wiens."

Fünf Stammbäume belegen Inzucht und Kinderlosigkeit

Die Habsburger sind Menschen, die in ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten, ihren Eigenarten, Marotten, ihren Fehlern und zuweilen auch ihrer Großartigkeit beschrieben sein wollen. Fünf Stammbäume, gegliedert nach Epochen und dynastischen Linien, lassen die Generationenfolge nachvollziehen. Sie belegen Inzucht oder eine der Kinderlosigkeit geschuldete Unterbrechung in der Generationenfolge, die den Spanischen Erbfolgekrieg auslöste. Sie belegen die Notwendigkeit der "Pragmatischen Sanktion", mit der die männliche Erbfolge durchbrochen und Maria Theresia 1740 auf den österreichischen Thron gehoben wurde.

Über sie weiß Rady, dass sie den "Riesensaal" in der Innsbrucker Hofburg in einen Familiensaal umgestalten ließ: "Von Maria Theresias 16 Kindern waren elf Töchter, drei von ihnen starben im Kindesalter. Über den Porträts ihrer Kinder sind 20 ihrer Enkelkinder zu sehen; für die noch Ungeborenen waren Plätze reserviert. Die meisten Familiengalerien bestehen ja eher aus Ahnenporträts, aber der Riesensaal ist auf die Zukunft ausgerichtet – auf eine Dynastie, die (...) durch die unermüdliche Gebärfreudigkeit der Königin und Kaiserin wieder an zahlenmäßiger Stärke gewonnen hatte."

Andererseits waren die Verluste der Habsburger durch Ermordung hoch: Maximilian, der im 19. Jahrhundert Kaiser von Mexiko geworden war, wurde nach seinem Scheitern hingerichtet. Die Geschichte der schönen Sisi (oder Sissi) ist hundertfach erzählt, der Mord von Sarajewo gilt als das auslösende Ereignis für den Ersten Weltkrieg. Über die Hauptbeschäftigung des erschossenen Erzherzogs recherchiert Rady: "Im Laufe seines Lebens brachte es Franz Ferdinand auf eine Jagdstrecke von 274 889 Tieren. Am häufigsten waren Rebhühner (Die Jagdtagebücher des Erzherzogs sind erhalten)."

Das Haus Habsburg war der katholischen Kirche verbunden. Das heißt nicht, dass ihre Repräsentanten es mit den zehn Geboten immer ernst nahmen. Weder Leib und Leben noch das Eigentum oder die eheliche Treue galten ihnen viel. Aber sie stifteten Klöster, bauten Kirchen, manche ließen auch Andersgläubige zu. Obwohl die Juden in der späteren Habsburger Doppelmonarchie Österreich-Ungarn nur eine Minderheit waren, haben sie zur Weltgeltung der k.u.k-Kultur entscheidende Beiträge geliefert – Rady widmet ihnen ein ganzes Kapitel. Allerdings durchzieht ein religiöser, später auch rassistischer Antisemitismus die Geschichte der Habsburger.

Der Schwerpunkt des Buches liegt neben den Porträts "der" Habsburger, also der Herrscher und ihrer Familien, auf dem politischen Geschehen, den Kriegen und der Ausdehnung ihres Herrschaftsgebiets. Durch die Übernahme des spanischen und zeitweise in Personalunion des portugiesischen Throns entwickelte die spanische Linie der Habsburger im 15. und 16. Jahrhundert das große Kolonialreich in Lateinamerika, Asien und Afrika. Große Herrscherpersönlichkeiten wie Karl V. oder Philipp II. (der Vater von Don Carlos) prägten diese Epoche sagenhaften Reichtums, völkermordender Kolonialherrschaft und radikalkatholischer Inquisition.

Der Vielvölkerstaat, der im Laufe der Jahrhunderte in Mittel- und Südosteuropa unter den Habsburgern entstanden war, erschwerte indes einiges. Vor Beginn des Weltkrieges: "Plakate in fünfzehn Sprachen verkündeten im ganzen Habsburgerreich die Generalmobilmachung der Streitkräfte", fasst es Rady in einem Satz zusammen.

Den Wendepunkt der Erfolgsgeschichte der Habsburger sieht der Autor im Jahr 1848. Der Wiener Kongress von 1815 zur Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen hatte zu einem starken Ansehens- und Machtzuwachs des Habsburgerreichs geführt. Eine reaktionäre Innenpolitik schürte das Aufbegehren der nichtdeutschen Landesteile. Die Auseinandersetzung mit Ungarn konnte erst 1867 mit der Schaffung der Doppelmonarchie notdürftig beendet werden. Die Bestrebungen der slawischen Bevölkerungsteile in Böhmen, der Slowakei und Kroatien, eigene Staatlichkeit zu erlangen, wurden drängender. Die italienischen Besitztümer waren schon im Zuge der Einigung Italiens verlorengegangen.

Dass sich die meisten Teile des ehemaligen Habsburgerreiches heute in der Europäischen Union wieder zusammengefunden haben, weist auf den letzten politisch aktiven Habsburger, der eine aktive Friedens- und Europapolitik betrieb: Otto von Habsburg. Er war der älteste Sohn des letzten Habsburger Kaisers Karl I. "Manche Habsburger widmeten sich dem Frieden, während andere sich in nutzlosen Kriegen verausgabten", so Radys Fazit.

Martyn Rady: Die Habsburger – Aufstieg und Fall einer Weltmacht. Aus dem Englischen von Henning Thies. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2021. 624 Seiten, etwa 50 Abbildungen, 34 Euro.