Kunsthaus Zürich in der Kritik

Die Sammlung des Waffenhändlers

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Di, 23. November 2021 um 19:45 Uhr

Kunst

Er machte Geschäfte mit den Nazis und eignete sich Werke aus jüdischem Besitz an: Die Sammlung des Waffenhändlers Bührle im Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich sorgt für heftige Diskussionen.

Vor ein paar Monaten, als die Handwerker die letzten Messingbleche an die Türfassungen schraubten und aus dem Erdgeschoss das Surren der Reinigungsmaschine tönte, die ihre Bahnen über den hellen Marmor zog, standen im Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich die Zeichen auf Aufbruch. Binnen fünf Jahren war der Neubau des Architekten David Chipperfield auf einem ehemaligen Kasernenareal gegenüber des 1910 eröffneten Haupthauses entstanden. Kosten: 206 Millionen Franken. Mit 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist das Kunstmuseum das größte in der Schweiz. Zur Preview am letzten Aprilwochenende kamen Tausende. Sie schlenderten durch die leeren Säle, über steile Treppen und schauten aus schwindelerregender Höhe durch die schmalen Fenster auf den Heimplatz, wo die Video-Künstlerin Pipilotti Rist eine Art grell besprühten "Science-Fiction-Maibaum" installiert hatte, als Projektor für ihre Installation "Tastende Lichter", die seither allabendlich über die umliegenden Gebäude huschen.

Mittlerweile sind die Bilder gehängt, der Erweiterungsbau ist eröffnet – doch seither stehen die Zeichen auf Sturm. Der Anlass: Das Kunsthaus zeigt als Leihgaben neben den bedeutenden Sammlungen von Karin und Ferdinand Knecht, Hubert Looser sowie Gabriele und Werner Merzbacher 170 Gemälde aus der Sammlung Bührle. Die Sammlung gilt als belastet – so sehr, dass sich die E. G. Bührle Stiftung gezwungen sah, ihrer Präsentation in einem eigenen Dokumentationsraum die Ergebnisse einer von Stadt und Kanton Zürich bei der Universität in Auftrag gegebenen wirtschaftshistorischen Studie voranzustellen. Schließlich sollte die Dauerausstellung der hochkarätigen Sammlung einen wichtigen Beitrag zur Aufwertung des Kunststandorts Zürich leisten. Die Aufklärung über die Herkunft des Geldes, mit dem die Gemälde erworben wurden, schien unumgänglich.

Emil Bührle galt zeitweise als der reichste Mensch der Schweiz. 1890 in Pforzheim geboren, hatte er in Freiburg und München Kunstgeschichte und Philosophie studiert. 1919 war er als Mitglied eines Freikorps an der blutigen Niederschlagung der Novemberrevolution in Berlin beteiligt. In den frühen 1920er-Jahren machte er Karriere als Prokurist in der Magdeburger Werkzeugmaschinenfabrik und übernahm 1925 deren Tochterunternehmen im schweizerischen Oerlikon, wo er vor allem Waffen produzierte. 1937 erhielt er die Schweizer Staatsbürgerschaft. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs lieferte er in großem Stil Kriegsgerät an europäische Staaten, nach Nord- und Südamerika, Japan und in die Sowjetunion, ab 1940 auf Ermunterung des Schweizer Bundesrats fast ausschließlich an die deutsche Wehrmacht. Produziert wurden die Kanonen unter anderem von über 700 aus Osteuropa nach Oerlikon verschleppten KZ-Insassinnen.

Das Geschäft mit Vernichtungskrieg und Verfolgung stand der Leidenschaft für die Kunst nicht im Weg. Im Gegenteil. Bührle sammelte vorzugsweise französische Malerei des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – Cézanne, Degas, Manet, Monet, aber auch Picasso, Mondigliani oder Van Goghs "Der Sämann". In nahezu 20 Sälen hängen diese Gemälde im Erweiterungsbau als Demonstration sammlerischer Potenz – und als Nachlass eines Menschen, der als Waffenhändler von Nazideutschland profitierte und als Kunstsammler von der Judenverfolgung. Direkt nach dem Krieg musste Bührle mehr als ein Dutzend Bilder aus seiner Sammlung als Nazi-Raubkunst an ihre rechtmäßigen jüdischen Eigentümer zurückgeben.

Neue Untersuchungen ergaben, dass Emil Bührle ab den späten 1930ern mehrere Gemälde von jüdischen Sammlern in Notlage erwarb, die auf der Flucht vor den Nazis in der Schweiz gestrandet waren. Im Dokumentationsraum ist Kritisches über den Waffenhändler und den Kontext seiner Sammlung zu erfahren, aber kaum etwas über die Herkunft der einzelnen Gemälde – weil sich die Bührle Stiftung unter Leitung des Kunsthistorikers Lukas Gloor bei den Verhandlungen mit dem Kunsthaus vorbehalten hatte, die Provenienzen der Bilder selbst zu erforschen. Dass dabei gezielt Umstände des Erwerbs von Fluchtkunst verschleiert oder unterschlagen wurden, wie der Zürcher Historiker Erich Keller der Stiftung in seinem im September erschienenen Buch "Das kontaminierte Museum" anhand seiner akribischen Recherchen zum Ankauf von Paul Cézannes "Paysage" aus dem Besitz eines unter Verfolgungsdruck stehenden jüdischen Ehepaares vorwirft, sorgt seit Eröffnung des Baus für Empörung.

Zu Wort meldeten sich in einer gemeinsamen Erklärung zahlreiche ehemalige Mitglieder der 1996 vom eidgenössischen Bundesrat eingesetzten "Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg" zu Wort, die 2002 den wegweisenden Bergier-Bericht über die finanziellen Verstrickungen der Schweiz in den Nationalsozialismus vorgelegt hatte. "Die derzeitige Situation in Zürich ist ein Affront gegenüber allen potenziellen Opfern", heißt es dort. Von der Stadt und vom Kanton Zürich fordern sie eine unabhängige Untersuchung der Provenienzforschung der Bührle-Stiftung, eine von Experten erstellte Dokumentation sowie die Einsetzung einer unabhängigen Kommission, die zwischen Anspruchsberechtigten und privaten oder öffentlichen Sammlungen in Bezug auf NS-Raub- und Fluchtkunst vermittelt.

Nachdem von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis zur New York Times auch die internationale Presse über den fragwürdigen Umgang eines öffentlichen finanzierten Museums mit der Sammlung berichtet hatte, schloss sich die Stadt Zürich in der vergangenen Woche den Forderungen der Kritiker an. Gloor, der Ende des Jahres – wie lange geplant – als Direktor der Bührle Stiftung zurücktreten wird, drohte daraufhin im Interview mit dem Boulevard-Blatt Sonntagsblick mit dem Abzug der Sammlung: "Wenn die Stadt Zürich dem Kunsthaus diktiert, wie die Sammlung Emil Bührle dem Publikum zu erklären ist, können wir nicht mehr mitmachen." Ob es tatsächlich dazu kommen könnte, ist ungewiss – über den Inhalt der Leihverträge haben Stiftung und Kunsthaus Stillschweigen vereinbart.

Unterdessen spekulieren die Medien mit Galgenhumor über eine Nachnutzung des leeren Museumsbaus – als Shopping Mall, Parkhaus oder Club. Bleibt zu hoffen, dass es den anderen Sammlungen und Ausstellungen im Kunsthaus – wie der überaus sehenswerten Themenschau "Earth Beats" – gelingen wird, aus dem Schatten der Auseinandersetzung zu treten.

Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1, Zürich. Di, Fr bis So 10-18 Uhr, Mi bis Do 10-20 Uhr.