Die Schwärze ist zurückgekehrt

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Mo, 09. September 2019

Bernau

Christa Näher, Hans-Thoma-Preisträgerin 2019, beim Künstlergespräch in Bernau / Künstlerin attestiert ihrer Malerei ein Eigenleben.

BERNAU. Zu einem Künstlergespräch hatten sich am Sonntag um 11 Uhr die diesjährige Hans Thoma-Preisträgerin Christa Näher und Johannes Honeck von der Kunsthalle Baden-Baden im Hans Thoma-Museum in Bernau verabredet. Bernaus Bürgermeister Alexander Schönemann konnte eine ansehnliche Zahl von Besuchern zu diesem, wie er meinte, tollen Angebot bei Regen, also dem idealen Museumswetter, begrüßen.

Auch Museumsleiterin Margret Köpfer freute sich, die Künstlerin inmitten ihrer Ausstellung "Schwarze Wanderung" willkommen heißen zu dürfen. Sie war bereits am Vortag in Freiburg bei ihrem weißen Pferd aus dem Jahr 2017 mit dem Titel "Kairos" mit einem solchen Gespräch zu Gast gewesen.

Von dem als Moderator fungierenden Honeck nach dem Titel ihrer Ausstellung in Bernau gefragt, meinte Christa Näher, der sei spontan, quasi unweigerlich entstanden. Nachdem sie ihre schwarzen Wanderungen eigentlich als beendet angesehen hatte, sei die Schwärze angesichts der Kriege auf der Welt als für sie anstehendes Thema zurückgekehrt. Und als sie den Ausstellungsraum in Bernau betreten hatte, habe sie sowohl die Präsentation, wie sie nun zu sehen sei, als auch deren Titel sofort als stimmig empfunden.

Hans-Thoma-Preis als schönste Auszeichnung

Die Liebenswürdigkeit, die ihr bei der Preisverleihung entgegengebracht worden war, sei außergewöhnlich gewesen, betonte Christa Näher. Wie bereits am Tag der Preisverleihung erklärte sie, der Hans Thoma-Preis sei für sie die schönste ihrer bisherigen Auszeichnungen, da sie weder über Beziehungen noch aufgrund der Bedienung von Trends des Kunstmarktes zustande gekommen sei, sondern ausschließlich eine Entscheidung für ihre Bilder darstelle. Und obwohl diese oft eine eher befremdliche Wirkung hätten, würden sie doch offenbar die Menschen berühren.

Tatsächlich äußerte einer der Besucher dieses Künstlergesprächs, er habe ihre Bilder zunächst erdrückend dunkel empfunden, aber je länger er sie betrachte, um so mehr würden sie aufblühen, sozusagen ihre versteckten Farben enthüllen und den Betrachter zu einem viel tieferen Verständnis geleiten.

Eine andere Besucherin bezeichnete es als verblüffend, wie die Wesen in den Bildern aufscheinen, ohne abbildlich zu sein, und Christa Näher selbst attestierte ihrer Malerei ein Eigenleben. Die Dinge entstünden manchmal fast blind, intuitiv. Oft in der Abenddämmerung ohne Licht hingemalt, merke sie erst am nächsten Tag, was da eigentlich entstanden sei. In ihrem großen dreiteiligen Schweinebild aus den 1980ern, so die Künstlerin weiter, entdeckte sie gar erst, nachdem es im Museum hing, dass sie darin die Flucht ihres Vaters aus Russland verarbeitet hatte.

Wie auch in dem Katalog zur Ausstellung versuchte Christa Näher, die Gründe für ihre Motive darzulegen, ebenso wie den Entstehungsprozess ihrer Werke. So schilderte sie etwa, dass sie keine Pferdemalerin sei. Nach ihrer Überzeugung hätten Pferde einen natürlichen Selbstschutz, und so sei das Wesen des Pferdes für sie von Klein an identisch gewesen mit ihrem persönlichen Widerstand. Die Begegnung mit dem todkranken Fürsten von Wolfegg habe das Thema Pferd nach einer Unterbrechung von 15 Jahren wieder zum Vorschein gebracht, jedoch verwandelt. War das Pferd früher Ausdruck ihrer Wut, so male sie heute Pferde, weil sie es wolle.

Ebenso verhalte es sich mit der Schwärze. Sie war mit der Schwärze zur Welt gekommen, trotz behüteter Kindheit sei diese als Bedrohung im Unterbewusstsein immer präsent gewesen. Heute empfinde sie die wiedergekehrte Schwärze als lenkbar, und Schreckliches wie Schönes verbänden sich in ihr.

Auch Nähers Minotaurus hat sich gewandelt

Ihr erster Minotaurus von 1986 beispielsweise sei eine Schreckensgestalt gewesen, hervorgerufen durch den Anblick von Kühen, deren Hörner abgesägt worden waren. Die blutverschmierten, eitrigen Stümpfe am Kopf der Kühe zerstörten ihr romantisches Bild vom Landleben.

Ihr jetziger Minotaurus sei zwar ein Mahnbild des heutigen Zustandes, aber er beinhalte auch eine gewisse Sanftheit. Umgeben von Pflanzen ruhe er auf seinen Schultern. Und Christa Näher zog die Parallele zwischen dieser Darstellung und der heutigen Jugend, die wieder aufstehe und beispielsweise in ihrer Umgebung 36 Bauern dazu gebracht hat, Blumenstreifen entlang ihrer Feldränder anzusäen. Eben diese hoffnungsvolle Atmosphäre sorge für die Sanftheit im Bild des Minotaurus.

Die allegorische Darstellung des Krieges in Form eines schwarzen Pferdes war an einem Nachmittag fertig, erklärt sie, das Süddeutschland-Bild, vor dem sie sitze, habe dagegen eine lange Geschichte. Fünf oder sechs frühere Bilder seien darunter verborgen. Ein Paar, das einmal darauf zu sehen war, ist bei näherer Betrachtung noch zu entdecken, aber plötzlich habe sie gesehen, dass es noch nicht fertig war, und weitergemalt. Überhaupt male sie nur, wenn etwas in ihr geweckt werde. Auch schon im Studium habe sie eine gewisse Nähe zu der jeweiligen Zeit spüren müssen, um deren Kunst zu verstehen, wie sie etwa durch eine ganz spezielle Begegnung einen Zugang zum Barock gefunden und entsprechende Bilder gemalt habe.

Am Schluss verriet Johannes Honeck, dass der umfangreiche, zur Ausstellung erschienene Katalog auch in Ziegenleder gebunden in einer limitierten Sonderedition mit einer Auflage von 50 Exemplaren für je 1600 Euro zu haben sein wird, wobei die Künstlerin jedem Exemplar eine originale Handzeichnung beilegen wird.