Die Tage vor dem Einmarsch waren wahnsinnig aufregend

Herta Siebler-Ferry

Von Herta Siebler-Ferry (Merzhausen)

Mi, 13. Mai 2020

Leserbriefe

Als am 25. April 1945 gegen Abend die französischen Truppen in Lenzkirch einzogen, war für uns der Krieg zu Ende. Es war Oma Tritschellers 72. Geburtstag, aber uns war nicht nach Feiern zumute.

Zitternd vor Angst hatten wir im Keller auf den Einmarsch der "Sieger" gewartet. Wir, das waren Oma Tritscheller, ihre Haushaltshilfe Dora mit Ehemann Ludwig, Mutti, Irmgard, Werner und ich. Unsere Nerven waren aufs äußerste angespannt, als wir Soldatenstiefel die Kellertreppe herunterpoltern hörten. Die Kellertür wurde aufgerissen, ein paar Soldaten mit Maschinenpistolen durchstöberten den Keller – vermutlich auf der Suche nach versteckten deutschen Soldaten. Uns würdigten sie kaum eines Blicks. Wir Frauen hatten Schlimmstes befürchtet, aber sie haben uns und sogar die Männer (Ludwig und den 16-jährigen Werner) in Ruhe gelassen. Überhaupt ist der Einmarsch der sogenannten Rheinarmee (mit Algeriern und Marokkanern) in Lenzkirch zu unserer großen Erleichterung glimpflich verlaufen, da der Bürgermeister den Truppen mit weißer Fahne entgegengegangen war.

Doch die Tage vorher waren wahnsinnig aufregend. Irmgard und ich sind am 19. April nach langem Fußmarsch und diversen Mitfahrgelegenheiten auf Militärfahrzeugen vom Lazarett in Königsfeld nach Hause gekommen. Auch Werner, der am 16. April noch zur Wehrmacht eingezogen worden war, traf am 19. April glücklich wieder in Lenzkirch ein. Man hatte ihn wegen "gesundheitlicher Untauglichkeit" vom Wehrdienst befreit, was ihn vor der Rekrutierung zur SS und einem schlimmen Schicksal in französischer Kriegsgefangenschaft bewahrte. Andere Jungen seines Alters sind, wenn überhaupt, erst Monate später wieder nach Hause gekommen.

Die wieder zusammengeführte Familie bereitete sich angstvoll in Lenzkirch auf die kommende Besatzung vor. Mutti fragte sorgenvoll: "Was ist, wenn die Franzosen Opa Tritschellers Jagdgewehre finden? Werden wir dann womöglich alle an die Wand gestellt?" Also wurden die Flinten in eine große Holzkiste gepackt und bei Nacht und Nebel oben auf dem Feld vergraben. Werner verbuddelte Konservendosen im Erdbeerbeet (mit Lageplan), und Ludwig Andris schlachtete alle seine Hasen. Seine Frau hat die dann eingekocht, in Dosen gefüllt und die Dosen hinter der Scheuer vergraben (ohne Lageplan). Deshalb haben sie sie wohl auch nie mehr wieder gefunden.

Herta Siebler-Ferry, Merzhausen