Diese Gastfreundschaft, nur 15 Jahre nach Kriegsende, machte einen enormen Eindruck auf mich

Lothar Käser

Von Lothar Käser (Schallstadt)

Mi, 13. Mai 2020

Leserbriefe

Beim Bombenangriff auf Freiburg im November 1944 war ich sechseinhalb Jahre alt. Kurz danach musste meine Mutter mit meinen beiden Brüdern und mir auf Anweisung der Behörden die Stadt verlassen. Wir gingen zu ihren Eltern nach Gültlingen, heute ein Ortsteil von Wildberg, unweit von Freudenstadt gelegen.

Meine Großeltern besaßen eine Gärtnerei, in der ein französischer Offizier als Kriegsgefangener mitarbeitete. Er hieß Roger Vécrignier. Wir Kinder erlebten ihn als sehr freundlichen Mann. Anfang 1946 erreichte ihn die Nachricht, seine Mutter in Paris sei schwer an Krebs erkrankt, liege im Sterben und wolle ihren Sohn noch einmal sehen. Seinem Antrag auf Urlaub aus der Kriegsgefangenschaft wurde vom Rathaus stattgegeben unter der Bedingung, dass seine Frau Lisette als Geisel für ihn nach Gültlingen kommt. Als sie schließlich angekommen war und Roger abreisen wollte, wurde ihm ohne Begründung der Urlaub verweigert, vermutlich durch einen fanatischen Nationalsozialisten auf dem Rathaus. Auch Lisette musste bleiben. Rogers Mutter starb, ohne ihren Sohn wiedergesehen zu haben.

Auf dem Grundstück meiner Großeltern gab es ein Blockhaus, in dem die Hühner untergebracht waren, nachdem ein Artilleriegeschoss eines der Wirtschaftsgebäude getroffen und in Brand geschossen hatte. Die französische Armee war über Freudenstadt inzwischen bis zu den Dörfern in unmittelbarer Nähe von Wildberg vorgedrungen. Dieser Hühnerstall nun wurde ausgeräumt und notdürftig mit zwei Betten ausgestattet, damit Roger und Lisette zusammen wohnen konnten. Die beiden wurden dann ein Glücksfall für uns und das ganze Dorf, als die französischen Soldaten ("die Marokkaner") ins Dorf eindrangen. Roger wurde unser Fürsprecher und für alle diejenigen, die ihn anständig behandelt hatten.

Wenige Wochen später waren Roger und Lisette verschwunden. Der Krieg war zu Ende. Niemand wusste, wo die beiden lebten. Jahre später, ich hatte ein Studium der Romanistik begonnen, machte ich mich auf die Suche nach den Vécrigniers aus meiner Kindheit. Und ich fand sie tatsächlich in Paris. Roger begrüßte mich herzlich, lud mich ein zu einer Autofahrt, um mir Paris bei Nacht zu zeigen. Ich durfte sogar bei ihnen übernachten.

Diese Gastfreundschaft einem Deutschen gegenüber, nur 15 Jahre nach Kriegsende, machte einen enormen Eindruck auf mich. Trotz der Ungeheuerlichkeit, die ihnen beim Tod von Rogers Mutter angetan worden war, hegten sie keinen Groll, sondern zeigten sich dankbar für die Freundlichkeiten, die ihnen meine Großeltern und die Leute im Dorf unter den gegebenen Umständen erwiesen hatten. Lothar Käser, Schallstadt