Django und kein Ende

Julia Jacob

Von Julia Jacob

So, 16. Juni 2019

Rock & Pop

Der Sonntag Einmal im Jahr ist das elsässische Örtchen Zillisheim für drei Tage Zentrum des Jazz Manouche.

Django Reinhardt gilt als Begründer des europäischen Jazz. Sein musikalisches Erbe lebt in den Sinti-Familien des Elsass weiter – an diesem Wochenende präsentiert sich die Szene des Jazz Manouche in einer kleinen Gemeinde südlich von Mulhouse bei einem Festival. Heute treten drei Nachfahren aus dem Reinhardt-Clan auf.

Jedes Jahr im Juni verwandelt sich das kleine Örtchen Zillisheim im Süden von Mulhouse in einen Ort, an dem sich alles um die Musik dreht. Nicht irgendeine. Hier ist der Jazz Manouche – der Gipsy-Swing – zuhause, zumindest für drei Tage, und das dann fast rund um die Uhr. Das kleine Festival ist ein Szenetreff, wie man ihn sonst aus Belgien oder Österreich kennt. Und wenn nicht gerade im Salle Polyvalente, der Mehrzweckhalle der Gemeinde, ein Konzert gespielt wird, finden sich draußen auf dem Platz Gruppen von Musikern zusammen, um miteinander zu spielen. Schon wenn man von der Hauptstraße, die an Weiden entlang in den 2500-Seelenort führt, Richtung Festivalgelände abbiegt, hört man sie, die rhythmischen Gitarrenklänge, die das Fundament des Swing aufbauen und die virtuosen Geigensoli, Musik, die unverkennbar mit dem Namen Django Reinhardt verknüpft ist. Auch er, die große Ikone des Genres, war der Sohn einer elsässischen Sinti-Familie.

Von Vater zu Sohn

Auch heute noch ist die Tradition des Jazz bei den Manouche im Elsass lebendig. Das Wissen, das Handwerk, wenn man so will, wird von den Vätern an die Söhne weitergeben. Die Frauen kochen und kümmern sich um die Kinder. Die Arbeitsteilung ist klassisch, seit jeher. Abends sitzen die Männer in ihren Wohnwagen, so wie in Zillisheim, wo der Campingplatz, der direkt an das Festivalgelände angrenzt, fest in Hand der Manouche ist und spielen. Ohne Notenblatt. Alles nach Gehör.

"C’est au feeling", sagt Pierre Heydt, der das Festival seit 2011 organisiert. Rund 30 bekannte Musiker leben derzeit im Elsass, schätzt Heydt. Heydt ist selbst kein Manouche, aber er fühlt sich mit ihnen verbunden. In Zillisheim ist er mit ihnen und mit ihrer Musik aufgewachsen . Diese zu fördern und damit einen Beitrag zum Erhalt ihrer Kultur zu leisten, hat er sich zum Ziel gesetzt. Und er will seine Liebe für die Musik der Manouche mit einem breiten Publikum teilen. Auch deshalb sind die Konzerte für Besucher kostenlos. Es gehe nicht darum, etwas zu vermarkten. Heydt will den Geist des Jazz Manouche zelebrieren, wie er sagt. Der Jazz Manouche, das ist für Heydt Lebensfreude, ein großes Fest. Und eine Tradition, die es gilt, weiterzuführen.

Das diesjährige Festival – es ist das mittlerweile achte Mal, dass sich die Szene in Zillisheim trifft – steht unter der Überschrift "Die neue Generation". Am heutigen Sonntag etwa tritt auf der Konzertbühne im Saal, die sparsam, aber sehr effektvoll mit blauen und roten Strahlern ausgeleuchtet ist, der erst 25 Jahre alte Pouti Reinhardt auf. Sein Repertoire, wie sollte es anders sein: Werke des berühmten Vorfahren Django. Kenner des Jazz Manouche kennen natürlich nicht nur den einen Musiker. Tchavolo Schmitt, Mandino Reinhardt, Fleco et Zaïti Loeffler, Bireli Lagrène sind Namen, die auch in Zillisheim immer wieder fallen. Auch diese Manouche aus dem Elsass haben das Gitarrespielen in der Tradition von Django Reinhardt gelernt. Aber sie haben sein musikalisches Erbe auch weitergetragen und immer wieder neu interpretiert. Dass der Jazz Manouche sich ständig weiter entwickelt, kann man auch auf dem Festival in Zillisheim miterleben. Bei den "Luthiers", den Geigen- und Gitarrenbauern, die draußen vor der Festhalle in Stehzelten ihre Stände aufgebaut haben, treffen sich die Musiker zum Plausch. Nebenbei testen sie neue Instrumente. Denn jede Gitarre hat ihren eigenen Klang, ihren eignen Charakter. Kaum stimmt jemand einen bekannten Klassiker an, stimmen andere mit ein. Zwei, drei, vier, sechs Gitarren treiben den Rhythmus an, während sich einzelne Spieler mit virtuosen Soli vorwagen. Ein junger Geigenspieler stößt dazu -– allerdings erst als sein Vater bei den älteren Spielern um Erlaubnis gebeten hat. Auch das gehört offenbar zu den ungeschrieben Regeln der Manouche. Man muss sich erst bewähren, der Name der Familie hat ein Gewicht, die Väter Autorität. Drum herum wächst der Kreis der Zuhörer, die beseelt lächeln und staunen. "Unglaublich wie schnell die ihre Finger bewegen", sagt eine Frau, die eifrig Aufnahmen mit ihrem Smartphone macht. "Einfach fantastisch."

Schmerzende Finger

Das Publikum ist bunt gemischt. Kulturtouristen mit Panamahut, ganz normale Leute aus dem Ort, Kinder, und natürlich die Manouche, die ihren eigenen Stil pflegen: Die Männer tragen knitterfreie Hemden, spitz zulaufende Lackschuhe und große Siegelringe, die Damen enge Leggins, Goldkettchen und Pumps. An der großen Buvette, der Bar vor dem Festsaal, kommen sie alle zusammen. Je später der Abend, umso ausgelassener ist hier die Stimmung. Schluss ist, wenn dann auch wirklich keiner mehr kann und die Musiker, die sich in immer wieder neuen Formationen zusammenfinden, sich die schmerzenden Finger reiben. Aber einer geht immer noch. Es dauert lange, bis dann wirklich das letzte Lied erklingt. Und in so manchem Wohnwagen brennt dann noch immer Licht.
Festival Jazz Manouche, Zillisheim (bei Mulhouse): Heute Sonntag, ab 15 Uhr spielen: Pouti Reinhardt, Diven Reinhardt und Ismael Reinhardt. Das Trio Loeffler beschließt das offizielle Programm. Von 10 bis 16 Uhr gibt es für ambitionierte Amateurmusiker die Gelegenheit, an einer Master Class teilzunehmen. Der Eintritt zu den Konzerten ist frei. Parkplätze auf dem Festivalgelände. Es gibt eine Freiluftbar und einen Verpflegungsstand. Weitere Informationen finden sich im Internet auf der Seite http://www.festivaljazzmanouche.org