Dschungel des Patriarchats

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Fr, 30. September 2022

Klassik

Theater in Freiburg: Der Chor nimmt den "Freischütz" ins Visier.

So kann’s gehen: Da holt man sich für eine der beliebtesten aber angestaubtesten Opern eine angesagte, postdramatische Performancetruppe ans Haus, um die Jäger-Oper "Freischütz" diskursiv und neu anzugehen – und dann stellen die einen Wald auf, so naturalistisch, dass die Sängerinnen ausrufen: "Hatten wir je solche Bäume auf der Bühne!" Schöne Pointe.

Doch natürlich ist bei der ersten Opernproduktion von Showcase Beat Le Mot (SBLM) der Wald kein Wald, und der nächtliche Forstweg, der zur Ouvertüre auf dem Vorhang aus Fahrerperspektive in den Tann führt, in Wahrheit ein Highway zur Hölle. Webers hochromantische Oper, in der Frauen wie Trophäen an den besten Schützen verteilt werden und der Teufel die Kugeln lenkt, wird zunächst zur Seite gerollt. Denn der auf dem Weg zur Premiere mit einem klapprigen Bus hilflos im Wald gestrandete Chor singt die Oper einfach selbst – "Victoria!", dass es scheppert. Doch die Solisten und Solistinnen sitzen im Flieger. Der Busfahrer (Martin Müller-Reisinger) teilt rasch die Rollen ein, und nach Neid und Zögern geht’s los.

Showcase Beat Le Mot hat in Freiburg den "Teufel mit den drei goldenen Haaren" und "Walden" verantwortet, bis das Theater das nächste Waldstück vorschlug – 2020 fiel die fast fertige Produktion aus, jetzt kann sie endlich über die Bühne gehen, praktisch unverändert. Der Regieansatz bleibt riskant. Dramaturgisch, denn wie lässt sich mit einer "als ob"-Konstellation Spannung oder Glaubwürdigkeit aufbauen? Freilich nimmt der SBLM-"Freischütz" nach dem berühmten Freikugelgießen in der Wolfsschlucht eine Wende, die radikal genug ist, um das Stück unter Zug zu halten: Nach einer undefiniert langen Zeit des Festsitzens hat sich im Wald ein brutale Männergesellschaft ausgebildet. Und die Figuren, ihre Charakterisierung? Hier setzt die Gruppe zum einen auf die Musik. Die erzähle eine ganz andere Geschichte, ist Ännchen (Katharina Ruckgaber) einmal erstaunt. "In der Oper gewinnt die Musik immer", sagt Veit Sprenger im BZ-Gespräch. Zum anderen wird das Geschehen konsequent gespiegelt: Klagt Max über seine Angst vor dem elenden Probeschuss, der ihm Glück oder Untergang bringt, zittert hier der angebliche Chorsänger (Roberto Gionfroddo), der plötzlich eine Arie schmettern soll.

Die heute zum Teil schwer erträglichen Originaldialoge ("Alles in Güte und Liebe, werter Herr Erbförster") ersetzen Texte, die gemeinsam mit den Sängerinnen und Sängern entwickelt wurden, wie Dariusz Kostyra sagt. Lieber im Wald als im "Dschungel des Patriarchats", sagt Agathe (Caroline Melzer) über die Welt einer "Jungsoper", in der die einzigen Frauen nur über die Kerle reden – die bekommen die Arien, für sie bliebe nur eine Arietta, klagt auch Ännchen.

In der Jägergesellschaft mit ihren Standesriten, die uns so fern seien wie der religiöse Erlösungsüberbau der Oper, fand das vierköpfige Team viele zeitlose Themen, sagt Thorsten Eibeler: Neiddebatten, Aberglaube, Versagensangst, Mobbing. Oder den enormen Druck, den Weber im hämischen "Was traf er denn, hehehe?" auskomponiert hat.

Damit die Freischützen nicht auf Gewehre verzichten müssen, fahren im Bus die Requisiten mit. Doch kann man damit schießen? Um "so weit wie möglich weg von Lederjoppen und Hirschhornknöpfen" zu kommen, tragen von Bass bis Sopran nun fast alle Kleider. Darin sieht Sprenger eine Utopie: "Wir suchen in allem ein Happy End." Auch wenn man dafür durch die Hölle muss.

Der Freischütz Theater Freiburg, Großes Haus. Premiere So, 2. Okt. Informationen und Karten unter http://www.theater.freiburg.de