Ein Bakken, der nicht fertig wird

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Do, 15. Oktober 2020

Skispringen

Baustopp auf der Rothausschanze: Frauen-Weltcupspringen Ende Januar in Hinterzarten fällt wegen Planungsfehlern am Anlauf aus.

Am Nikolaustag sollte die für drei Millionen Euro umgebaute große Rothausschanze eingeweiht werden. Doch Wunsch und Wirklichkeit passen nicht zusammen, weil nicht nur Springer patzen, sondern auch Ingenieure. Beim Aufbau des Stahlgerüsts, das die Anlaufspur tragen soll, wurden Maßdifferenzen zum bestehenden Treppenturm festgestellt und ein sofortiger Baustopp verfügt. Die Fertigstellung droht sich um Monate zu verzögern, der für Ende Januar geplante Skisprung-Frauenweltcup wurde abgesagt.

. Auf die vier Bakken im Adlerskistadion sind die Hinterzartener um die Skiclub-Vorsitzende Tanja Metzler zurecht mächtig stolz. Das fein abgestimmte Schanzen-Ensemble gilt weltweit als Musterbeispiel. Auf der K 15- und der K-30-Schanze heben Kinder und Schüler rund ums Jahr zu tausenden Übungs- und Wettkampfsprüngen ab, auf dem 70-Meter-Bakken der Europaparkschanze werden aus Fluglehrlingen Gesellen. Die Rothausschanze (K 90) ist die Rampe für die Meister. Olympiasieger hoben hier bei den internationalen Wettkämpfen des Sommer-Grand-Prix ab. Ein in Ehre gealterter Bakken, auf dem internationale Maßstäbe gesetzt wurden. Der K.o-Modus, bei der Vierschanzentournee alljährlich Aufreger im ersten Wertungsdurchgang, wurde in Hinterzarten erfunden, getestet und für gut befunden.

Hinterzarten, das war über Jahrzehnte im Sommer das Freiluftlabor der Skispringer. Welchen Einfluss Schneider auf Flieger haben? Wer sich an den hageren Sven Hannawald erinnert, der vor zwanzig Jahren in einer Pelle, so weit wie ein Zelt, talwärts schwebte und die Springer von heute in ihren taillierten Anzügen sieht, der erkennt auf einen Blick die in Hinterzarten angestoßenen aerodynamischen Veränderungen der Flugoveralls. Auf der einen Seite "Hanni", aufgeplustert wie ein Michelinmännchen, daneben der Wahl-Hinterzartener Stephan Leyhe, der im vergangenen Winter in Willingen in einem Slim-Fit-Anzug zu seinem ersten Weltcup-Einzelsieg sprang. Doch auch Schanzen altern. Marode, zu steil und zu kurz für die modernen Flugkurven war nach mehr als 35 Betriebsjahren die Startbahn zwischen Betonturm und Schanzennase. Ein Neubau musste her. Im Frühjahr begann der Abbruch der alten Anlaufspur, seither nagten Bagger hoch über dem Schanzenzentrum am Bakken-Vorbau und dem Fundament.

"Wir haben die neue Schanze herbeigesehnt", erinnert sich Skisprung-Landestrainer Rolf Schilli, der mit seinen Athleten "zwingend" auf den umgebauten Bakken angewiesen ist, weil die Rothaus-Schanze unverzichtbar für die Ausbildung ist. Wenn Skispringer und Kombinierer aus dem Schwarzwald auch in Zukunft der Welt was vorfliegen wollen, braucht es die Rothausschanze. Auf den Berliner Flughafen BER könnte man getrost verzichten, auf den Hinterzartener Top-Bakken nicht.

Dass sich die Jungfernflüge auf der fast fertigen Absprungrampe jetzt um Monate verzögern und im kommenden Winter womöglich überhaupt nicht auf der Rothausschanze gesprungen werden kann, ist für Schilli ein Schock. "Das ist extrem bitter für die Athleten. Den Planungsfehler, der womöglich zu einer mehrmonatigen Flugpause führt, will Schilli nicht kommentieren, Patzer seien nun mal menschlich. Angesichts der Corona-Pandemie seien er und seine Springer seit Monaten gezwungen, sich immer wieder neu zu orientieren. "Wir müssen jetzt alle gemeinsam eine Lösung finden", so Schilli. Da die Rothausschanze in den Wintermonaten als Übungs- und Wettkampfanlage ausfalle, sei vielleicht ein Ausweichen auf die Schonacher Langenwaldschanze möglich. Ein K-90-Bakken, der wie die Rothausschanze bis zu 110 Meter weite Sprünge erlaubt. "Die Schonacher haben uns schon mehrfach geholfen", sagt Schilli, "und ich bin überzeugt, dass sie es wieder tun werden".

Frauen-Weltcup auf der Schonacher Schanze?

Der für Ende Januar in Hinterzarten geplante und jetzt abgesagte Skisprung-Frauenweltcup soll unbedingt im Schwarzwald gehalten werden – als möglicher Ausrichter käme in Zusammenarbeit mit den Hinterzartenern der SC Schonach in Frage. Auf der Langenwaldschanze wurden in der Vergangenheit schon zweimal Frauen-Weltcupskispringen ausgerichtet.

Von der Planungspanne an der Rothausschanze betroffen sind auch die Schwarzwälder Weltklasse-Kombinierer Fabian Rießle (SZ Breitnau) und Manuel Faißt vom SV Baiersbronn, die sich aktuell bei einem Lehrgang im schweizerischen Einsiedeln auf die am 24./25. Oktober in Oberstdorf geplante deutsche Meisterschaft vorbereiten. "Das freut die Burschen nicht", sagt ihr Heimtrainer Albert Wursthorn. Die Hiobsbotschaft nimmt er im Gespräch mit der BZ gelassen hin. "Daraus einen Aufreger zu machen, bringt nichts." Zur Kenntnis nehmen, das Unvermeidliche akzeptieren, das sei seine Devise. "Sportler müssen das ständig", weiß Wursthorn, ein missglückter Sprung sein nun mal Alltag. Mit der neuen Rothausschanze sei das nicht anders, Missmut sei fehl am Platz. "Irgendwann wird die Schanze fertig sein und dann freuen wir uns alle riesig."