Ein bittersüßes Roadmovie

epd

Von epd

Di, 09. August 2022

Kino

NEU IM KINO: Der Film "Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr" berührt.

"Geh weg von diesem Ort. So weit du kannst", sagt eine junge Frau zu ihrem Mann. Noch wissen wir nicht, wer die beiden sind, doch der Themenkreis ist umrissen: Aufbruch, Abschied, Erinnerung, aber auch Flucht und Vergessen. Darum spielt der Film "Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr" zwischen den beiden entferntesten Punkten, die sich in Großbritannien auf dem Landweg zurücklegen lassen, zwischen John O’Groats im Nordosten Schottlands und Lands End im Südwesten Cornwalls.

Diese 1300 Kilometer will der 90-jährige Rentner Tom, dargestellt vom 65-jährigen Timothy Spall, zurücklegen. In den 1950er Jahren war er mit seiner Ehefrau von England nach Schottland gezogen, um ein Trauma zu überwinden. Doch nun ist Mary tot, und Tom möchte noch einmal an jenen Ort zurück, an dem er sie kennengelernt hat.

Penibel plant er seine Reise. Fahren will er nur mit Nahverkehrsbussen, weil er die als Rentner kostengünstig nutzen darf. Und dann steht er an der Bushaltestelle in John O’Groats, mit einem Holzköfferchen, in dem noch etwas mehr ist als nur Kleidung. Man ahnt es: Es soll eine Reise werden, die Tom von seinem Kummer befreit und mit seiner Vergangenheit versöhnt.

Darum begegnet Tom sich selbst während der Fahrt als junger Mann. Mal sieht er ihn am Wegesrand, mal kommt er auf dem Bürgersteig auf ihn zu, in eleganten Übergängen, die die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen. In kurzen Einschüben kehrt der Film immer wieder in die 1950er Jahre und zur Liebesgeschichte von Tom und Mary zurück. Auch das Geheimnis des Kofferinhalts lüftet sich am Schluss.

Doch das eigentliche Augenmerk des Films gilt den kurzen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen – an der Haltestelle oder im Bus, im Bed & Breakfast oder auf der Straße. Die Menschen sind zumeist freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Der schottische Regisseur inszeniert hier nicht zuletzt, wie sich die junge und die alte Generation begegnen und respektieren – als wolle er die Spaltung der britischen Gesellschaft durch Brexit und Pandemie mit einem Gegengewicht auffangen.

Auch mit unliebsamen Zeitgenossen bekommt es Tom zu tun. Man hätte sich manche dieser Episoden ein wenig humorvoller gewünscht, tiefschürfender, dramatischer vielleicht. MacKinnon verlässt sich zu sehr auf die bittersüße Rührung seiner Vignetten. Doch Timothy Spall macht dieses kleine Manko mit seiner Darstellung wieder wett. Mit Einfühlungsvermögen und Würde verkörpert er einen Mann, der sein Leben der Liebe zu seiner Frau gewidmet hat. Wenn er in einem Busbahnhof vor jungen Frauen, die einen Junggesellinnenabschied feiern, "Amazing Grace" singt, ist seine Trauer förmlich zu greifen.

"Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr" (Regie: Gillies MacKinnon) läuft in Freiburg. Ab 6.