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Ein Drama erzählt von den Anfängen der Wendezeit in der DDR

scho

Von scho

Mi, 28. April 2021 um 14:46 Uhr

Computer & Medien

Umweltprobleme in der DDR? Gab es laut SED-Führung nicht. Ein neuer Film erzählt vom Protest junger Menschen gegen Umweltverschmutzung – aus dem 1989 die Bürgerrechtsbewegung hervorging.

Am Anfang ist man geradezu befremdet über die sonnige Heiterkeit, die Andy Fetschers Film ausstrahlt: "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" scheint auch ästhetisch Programm zu sein. Der Münchner Regisseur, der mit seinem Horrorfilm "Urban Explorer" international auf sich aufmerksam machte, erzählt in Thomas Kirchners Adaption des gleichnamigen Sachbuchs von Peter Wensierski ein wenig bekanntes Kapitel der ostdeutschen Geschichte als Jugenddrama von Aufbruch, Hoffnung und Liebe.

Verdreckte Luft, Kohlegestank, Industriebrachen, verseuchte Böden, Phenole in der Pleiße: Dass es besonders im Braunkohlerevier bei Leipzig massive Probleme gab, die vom Regime systematisch totgeschwiegen wurden, war selbst hier im äußersten Südwesten bekannt, dass das politische Ende der DDR aber von Umweltaktivisten eingeläutet wurde, hatten wir nicht auf dem Schirm. Es war eine Gruppe junger Leute, die im Leipzig der Jahre 1988/89 auf die Barrikaden ging: Im Schutzraum der Kirche diskutierten sie über die fortschreitende Zerstörung der Natur – und kleideten die Aufrufe zu ihrer Rettung in Fürbitten.
"Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" (Regie: Andy Fetscher) ist heute um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen und noch bis zum 27. Juli in der Mediathek.

Im Film ist es die 19-jährige Franka (Janina Fautz), mit der eine neue Radikalität in die Zusammenkünfte der Jugendlichen kommt. Die ersten Bilder zeigen sie als Partygirl, das aufgebrezelt und grell geschminkt auf die Walz geht. Doch als sie Stefan (Ferdinand Lehmann) begegnet, nimmt ihr Weg, ja ihr ganzes Leben eine radikale Wendung. Sie verliebt sich auf den ersten Blick in den lässigen, mutigen und unkonventionellen Wortführer der Naturschützer. Ökologische Gebete allein genügen ihr schon bald nicht mehr. Schließlich hat die Umweltzerstörung in ihrer eigenen Familie eine Tragödie verursacht: Mit fünf Jahren starb ihr kleiner Bruder an Pseudokrupp.

Das ist lange her, die Eltern (Inka Friedrich, Alexander Hörbe) scheinen sich damit abgefunden und sich mit dem Staat arrangiert zu haben, für Franka aber bricht das Trauma wieder ganz neu auf. In der Umweltgruppe, die in einem Abbruchhaus wohnt, findet sie eine Ersatzfamilie, in der Ehrlichkeit, Solidarität, Toleranz, Frieden und Liebe herrschen. Es wird gelacht, gekämpft und gefeiert, das lesbische Pärchen ist beständig am Turteln, und für ein Geburtstagskind klauen die Freunde schon mal einen Sack Spargeln auf dem Feld.

Der Protest der Jugendlichen macht im Westen Schlagzeilen

Ganz allmählich aber kommt ein neuer Ernst ins fröhliche Leben der Sponti-Truppe. Die Umweltschützer politisieren sich und treten aus dem Kirchenraum heraus, die Stasi ersetzt daraufhin ihre üblichen Observationen durch massive Einschüchterung und regelrechte Verfolgungsjagden. Am 15. Januar 1989 macht der Protest aus Leipzig dann sogar im Westen Schlagzeilen: Nach dem Aufruf zu einem Schweigemarsch, der die traditionelle Demonstration zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in den Kontext der aktuellen Demokratiedefizite stellte, wurden elf Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler – im Film ist Franka darunter – verhaftet. Aber die internationale Aufmerksamkeit war da, und der öffentliche Druck wuchs. Im September gab es dann die ersten Montagsdemonstrationen, ein Vierteljahr später war die DDR Geschichte.

"Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" erzählt davon mit dem leisen Lächeln der Sieger – was aber nicht heißt, dass da Geschichtsklitterung betrieben würde: Es war ja tatsächlich eine unblutige, eine friedliche Revolution, die im Jahr 1989 stattgefunden hat. Dass sie ihre Wurzeln im Naturschutz hatte, war vielleicht vielen von uns neu, ist aber sehr stimmig und nachvollziehbar. Schließlich ging es den jungen Leuten um eine Zukunft in ihrem Land – im Film hat nur einer von ihnen einen Ausreiseantrag laufen und wird von den Freunden entsprechend misstrauisch beäugt. Denn er stellt ja infrage, was auch dieses gut gespielte, unterhaltsame und heitere Drama mit seinen starken Bildern und Songs feiert: das Prinzip Hoffnung.