"Ein echtes Wunderwerk"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 19. Mai 2019

Klassik

Der Sonntag Dominique Mentha mag die "rätselhafte Deutlichkeit" von Pelléas et Mélisande.

Im letzten Jahr gedachte die Klassikwelt Claude Debussys 100. Todestag. Nun bringt das Freiburger Theater am Samstag seine einzige Oper "Pelléas et Mélisande" auf die Bühne. Der Schweizer Regisseur Dominique Mentha ist begeistert von der rätselhaften Deutlichkeit des Werkes. Und hofft, dass sich die Zuschauer auf die besondere Atmosphäre und Länge der fünfaktigen Oper einlassen.

Der Sonntag: Am Theater Luzern folgten Sie im Jahr 2004 als Intendant Ihrer Vorgängerin Barbara Mundel. Jetzt inszenieren Sie in Freiburg erstmals an dem Haus, das sie ebenfalls lange geleitet hat. Wie nehmen Sie das Freiburger Theater unter der Intendanz von Peter Carp wahr?

Er macht das gut, oder? Peter Carp war ja mein Schauspieldirektor in Luzern. Insofern kenne ich ihn gut. Mit Barbara Mundel habe ich letztendlich nicht viel zu tun gehabt. Sie ist eine gute Theaterfrau.
Der Sonntag: "Pelléas et Mélisande" von Claude Debussy inszenieren Sie zum ersten Mal. Durften Sie sich das Werk aussuchen?

Ich habe mit der Musikdramaturgin Tatjana Beyer über die Stücke gesprochen, die in Freiburg geplant sind. Und mich dann für Debussy entschieden. Die Oper ist ein echtes Wunderwerk, geprägt von einer rätselhaften Deutlichkeit. Man darf hier als Regisseur nicht zu entschieden sein – das ist der Schlüssel für die Interpretation. Außerdem ist es eine wirklich lange Oper. Wir überlegten uns einige Zeit lang, ob wir die Zwischenspiele kürzen. Diese wurden ja von Debussy im Nachhinein komponiert, weil man Zeit für Umbauten benötigte. Auf Wunsch von Generalmusikdirektor Fabrice Bollon haben wir uns dafür entschieden, wirklich jeden Ton zu spielen. Die große Herausforderung ist es, diese Längen zu füllen. Sie sind in einem meditativen Sinne ein besonderes Merkmal für die Qualität dieses Stückes. Wir haben gar keine Umbauten – es läuft alles immer weiter.
Der Sonntag: Die Oper nach einem Text des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck entfaltet eher eine besondere Atmosphäre, als dass sie eine klare Handlungsdramaturgie aufweist. Vieles wird nur angedeutet. Die Dreiecksgeschichte spielt im Mittelalter auf einem Schloss. Wo siedeln Sie "Pelléas et Mélisande" an?

Weder in einer bestimmten Zeit noch an einem bestimmten Ort. Der Begriff Familienaufstellung spielt eine Rolle. Die Figuren in diesem Schloss sind, umgeben von Wasser und Wald, in sich gefangen. Man muss auch die Kälte des Stücks thematisieren. In den Kostümen gibt es russische Anklänge.
Der Sonntag: Die verzweifelte Mélisande wird im Wald von Golaud gefunden, der sie zur Frau nimmt. Aber sie verliebt sich in Golauds Bruder Pelléas, der schließlich von ihm aus Eifersucht getötet wird. Was sind das für Charaktere?

Es gibt Hinweise darauf, dass Mélisande die letzte Frau von König Blaubart sein soll. Mir gefällt diese These. Daher kommt auch ihre Angst vor Berührung, die für sie mit einer traumatischen Erfahrung zu tun hat. Zwischen Golaud und Pelléas besteht ein großer Unterschied. Golaud ist ein entschiedener Mann, der dieses Mädchen entführt und geheiratet hat. Pelléas ist eher ein Träumer, der erst in seiner Liebe zu Mélisande zum Mann wird. Mélisande emanzipiert sich im Laufe der Geschichte und hilft dieser erkalteten Familie, Wärme zu entwickeln.
Der Sonntag: Sie haben selbst eine Gesangsausbildung und sind bekannt dafür, dass Sie in der Probenarbeit die Rollenprofile gemeinsam mit den Sängerinnen und Sängern erarbeiten. War das auch am Freiburger Theater möglich?

Auf jeden Fall. Ich mag kein Abmachtheater. Ich sage auch nicht, wann jemand auf den Tisch hauen oder zwei Schritte nach vorne gehen soll. Das meiste muss im Probenprozess von den Sängern ausgehen. Sie sollen selbst kreativ sein.
Der Sonntag: Inwieweit ist die musikalische Interpretation durch Fabrice Bollon wichtig für Ihre szenische Deutung?

Mein Bühnenbildner Sylvan Müller und ich haben uns sehr früh mit ihm getroffen. Fabrice Bollon hat eine sehr leidenschaftliche Beziehung zum Stück. Unser Konzept ist sehr musikalisch. Akustisch ist das Haus nicht einfach. Auch hier können die Sänger mitsprechen, wo sie stehen möchten, damit ihre Stimme gut trägt. Der Orchesterpart spielt auch eine immens wichtige Rolle.
Der Sonntag: In dieser Oper sind alle Figuren unglücklich. Vieles scheint unabänderliches Schicksal zu sein. Was ist für Sie hier der Kern außer der großen Kälte, über die wir schon gesprochen haben?

Die Entwicklung von Pelléas und Mélisande seit ihrer Begegnung. Sie verändern sich, werden selbstbewusster und schauen nach vorne. Pelléas hat als einzige Figur eine Art von Humor, aus dem sich dann große Leidenschaft entwickelt. Am Ende sind die beiden bereit, zu ihrer offenbar nicht vollzogenen – ich weiß nicht, ob das stimmt – Liebe zu stehen. Sie verlieren auch die Angst vor Golaud, weil sie sich vor ihm küssen.
Der Sonntag: Bei der Uraufführung 1902 wurde die Oper wegen ihrer Handlungsarmut und der ungewöhnlichen Musiksprache, die auf klare Melodien und eindeutige Harmonien verzichtet, als sehr modern empfunden. Wie wirkt das Werk heute auf Sie?

Sehr modern kann ich natürlich nicht sagen. Es kommt mit "Pelléas et Mélisande" aber nach wie vor etwas Neues auf die Bühne und in den Orchestergraben. Die Musiksprache ist gar nicht so kompliziert. Vielleicht ist in unserer schnelllebigen Zeit die Länge für einige eine Zumutung. Man muss aber zu dieser Länge stehen. Und darauf hoffen, dass sich die Zuschauer öffnen. Dann werden sie ein besonderes Erlebnis haben.
Das Gespräch führteGeorg Rudiger
Pelléas et Melisande, Oper von Claude Debussy nach dem Schauspiel von Maurice Maeterlinck, Premiere am Samstag, 25. Mai, 19.30 Uhr, Theater Freiburg, Großes Haus, weitere Vorstellungen, Karteninformationen unter 0761 496 8 88.