Ein irrer Käfig voll wilder Vögel

Christa Sigg

Von Christa Sigg

Mo, 21. September 2015

Ausstellungen

Frei nach dem Motto "Da geht noch mehr": Jean Paul Gaultiers Ausstellung "From the Sidewalk to the Catwalk" in der Kunsthalle München.

Umwuselt von geschäftiger Entourage läuft Monsieur in die Kunsthalle ein. In schwarzer Lederjacke und schwarzer Hose, drunter ein weißes T-Shirt mit schwarzem Aufdruck. Ein bisschen enttäuschend ist das, wenn man bedenkt, dass Jean Paul Gaultier die Männer (wieder) in Röcke gesteckt hat. Das Ringelhemd der Matrosen in die Haute Couture brachte, dazu allerlei Miederwaren mit den legendären Kegel-BHs und eindeutige Lack- und Leder-Monturen. "Jeder sollte so viel Sex wie möglich haben", ließ er kürzlich verlauten. "Denn der macht schlauer, schneller und hebt die Laune".

Amüsant war denn auch der Auftritt des gerne als Enfant terrible der Fashionszene bezeichneten Franzosen, der es sich nie nehmen lässt, sein Publikum mit charmant-ungebremster Redseligkeit zu strapazieren. Der Mann sprüht nur so und macht sich gar nicht erst Mühe, seine zigtausend Gedanken zu ordnen. Und so ist auch die Ausstellung "From the Sidewalk to the Catwalk", die nach Montreal, Dallas, Madrid, Rotterdam... New York und dem Nabel der Modewelt Paris nun in München Station macht, ein irrer Käfig voll wilder Vögel. Frei nach dem Motto: Da geht noch mehr – von Reißverschlüssen, die dekorativ am Busen baumeln, bis zum indianischen Feder-Kopfputz einer offenherzigen Braut.

Selbstredend sind chronologische Ansprüche fehl am Platz, der Besucher darf sich hineinwerfen in dieses schrille Designer-Leben, das keinerlei Tabus und Grenzen kennt. Auch wenn der inzwischen 63-Jährige zahmer geworden und die alte Provokation längst keine mehr ist: Auf jedem Volksfest lugen mittlerweile die Tattoos unterm Dirndl hervor – darauf ist Gaultier stolz. Und vor dem Dorfladen knallen einem die Dessous entgegen.

Das nahm in den 1970er Jahren allerdings einen geradezu schockierenden Anfang, als der Autodidakt beim seinerzeit futuristisch ausgerichteten Pierre Cardin als Zeichner anfing und sich langsam, aber sehr bestimmt auf eigene abseitige Wege begab. Der bekennende Homosexuelle holte den schnöden Alltag auf den Laufsteg und öffnete die Mode zugleich für die Gesellschaft. Immer schon richten sich seine Kreationen an alle – Hautfarbe, Alter, Religion, sexuelle Orientierung sind ihm vollkommen gleichgültig.

Zudem hat Gaultier keine Lust auf die klassischen Catwalk-Schönheiten. Vielmehr setzt er auf Persönlichkeit und lässt kurvige Vollblutweiber und pummelige Punk-Ladies über den Laufsteg marschieren, Falten und graue Haare sind genauso willkommen. Und er war der Erste, der mit androgynen Models gearbeitet hat: Andrej (nach der Geschlechtsumwandlung Andreja) Pejic steckte er 2011 in eine Brautkleid – das Bild ging deutlich vor Conchita Wurst um die Welt. Dafür ohne Bart.

Doch man darf sich da keineswegs täuschen lassen, es sind natürlich auch die gertenschlanken Girls, die seine Entwürfe in Hochglanzmagazinen präsentieren: Christy Turlington und Naomi Campbell, Kate Moss oder Laetitia Casta. Und Turbo-Frauen wie Madonna. Für den Pop-Star entwickelte Gaultier 1990 das Bühnenoutfit zur "Blond Ambition"-Tour, das war sein endgültiger Durchbruch. Und fortan verband man den Designer mit einem goldenen Korsett und zwei konischen Körbchen. Gleich im ersten Schauraum sieht man die Spielarten dieser zündenden Idee – in Lackleder, "Käfigstangen" oder als Parfumflakon. Und noch vor ein paar Jahren trug Muse Minogue auf ihrer "Kylie X Tour" (2009) ein in Diamantform betontes Büstenteil mit Cabochon-Schultern. Indes, die Mieder-Manie kam nicht von ungefähr. Der kleine Jean Paul war viel bei der Großmutter, in deren Schönheitssalon er ein Korsett entdeckte. Hingerissen von diesem kuriosen körperbetonenden Fundstück formte der Bub einen klitzekleinen Spitz-BH aus Zeitungspapier – für seinen Teddy.

Jetzt bildet der abgeliebte Bär das Auftakt-Maskottchen zur Ausstellung. Irgendwie anrührend ist das und so gar nicht glamourös oder donnernd wie die langen Reihen seiner Kompositionen, die effektvoll auf Puppen mit videoanimierten Gesichtern – das ist der Clou! – sitzen. Matrosen, Punks, Celebrities, Rocker, Nymphen und Sirenen, Kinofiguren (Gaultier entwarf Kostüme für Peter Greenaway oder Pedro Almodóvar), Großstadtamazonen und Cancan-Girls versammeln sich zu dieser "Rocky Horror Picture Show" für Kunstgänger.

Und natürlich darf auch in München die Hommage ans Lokalkolorit nicht fehlen. Beim Oktoberfest geht nix ohne "Ledärosn", wie Gaultier in köstlichem Franco-Bayrisch formuliert. Also hat er das aktuelle Lieblingsstück der Münchner Yuppies "vergaultiert": Unterm klassisch bestickten Hoserl zieren grüne Netzstrümpfe das Bein, gehalten von rosa Strapsen. Und man ahnt es schon: Die Spitztüten-Corsage muss mit ins Bierzelt. Damit ist Madame gewappnet für den ultimativen Wies’n-Nahkampf.

Jean Paul Gaultier: "From the Sidewalk to the Catwalk", Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München. Bis 14. Februar, täglich 10-20 Uhr
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Weitere Infos unter      http://www.kunsthalle-muc.de