Ein Naturschauspiel ohne Publikum

dpa

Von dpa

Di, 16. Februar 2021

Panorama

Die Victoria-Wasserfälle im südlichen Afrika sind in normalen Zeiten für die Menschen in der Region eine wichtige Einnahmequelle.

Die Victoria-Wasserfälle sind größer als die berühmten Niagara-Fälle. Doch seitdem im vergangenen Jahr im Ausland Berichte verbreitet wurden, die Fälle seien ausgetrocknet, kommen kaum noch Besucher – zudem bremst Corona den Tourismus aus. An Wasser fehlt es dagegen nicht.

Timashe Farawo klingt verzweifelt. Hartnäckig hielten sich noch vor einem Jahr im Ausland Berichte über angeblich ausgetrocknete Victoria-Wasserfälle – und nun rauschen weitgehend unbemerkt auf 1,7 Kilometern Breite gigantische Wassermassen die Felskante herab. "Die Victoria-Fälle haben dank der Regensaison ihren Höchststand erreicht – sie schreien geradezu danach, bewundert zu werden", seufzt der Sprecher der simbabwischen Nationalparkbehörde. Doch wegen der Corona-Restriktionen fehlt es an Bewunderern. "Es schaut nicht gut aus", meint Farawo, der darauf hinweist, dass jahrelang gut 80 Prozent aller Touristen aus dem Ausland kamen.

Immerhin gilt das überwältigende Wasserspektakel am Sambesi als eines der größten Naturschauspiele, die der afrikanische Kontinent zu bieten hat. Das Weltkulturerbe hat zwei Namen: international als Victoria-Fälle bekannt, heißt es bei der örtlichen Bevölkerung "Moisy-o-Tunya": Der Rauch, der donnert.

Diesem Namen macht das natürliche Weltwunder gerade alle Ehre. Mit Macht donnert an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe der weltgrößte Wasservorhang über eine Felskante gut hundert Meter in die Tiefe. Nebelartige Gischtwolken und farbenfrohe Regenbogen stehen über der engen Schlucht. Laut der simbabwischen Flussbehörde strömten am Sambesi-Messposten Chavuma am 1. Februar 1700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde – im Vorjahr waren es gerade mal 1163 Kubikmeter pro Sekunde.

Mit Kopfschütteln reagierten lokale Reiseunternehmer wie Tinashe Chimusoro Ende 2019 auf Berichte, wonach die Wasserfälle komplett ausgetrocknet gewesen sein sollen. Denn der Sambesi als längster Fluss des südlichen Afrikas verkommt in der Trockenzeit regelmäßig zum Rinnsal – um dann mächtig anzuschwellen wie derzeit. Doch die Sorge über die negativen Auswirkungen dieser Berichte auf die kleine, aber für die Volkswirtschaften von Sambia und Simbabwe wichtige Tourismusbranche an den Wasserfällen wird durch die Corona-Pandemie nun bei weitem übertroffen.

"Wir hatten seit rund sechs Monaten keine einzige Buchung mehr", sagt Chimusoro vom Pamushana-Reisebüro. Andere berichten über vereinzelte Buchungen über die Feiertage – doch das war’s. "Der gesamte Sektor ist quasi zum Stillstand gekommen", bestätigt der Sprecher der nationalen Tourismusbehörde, Godfrey Koti. Vom großen Optimismus, mit dem die lokale Branche ins neue Jahr gestartet ist, ist nichts mehr geblieben – Verzweiflung macht sich breit. "Es gibt absolut kein Einkommen, es gibt aktuell auch keine Arbeit", klagt Chimusoro.

Auf der simbabwischen Seite des Sambesi liegen fast zwei Drittel der Victoria-Wasserfälle, die der englische Forscher David Livingstone bei seiner Entdeckung am 16. November 1855 nach der damaligen britischen Monarchin Victoria-Fälle nannte. Pro Minute donnern hier zur Regenzeit 550 000 Kubikmeter Wasser in die Batoka-Schlucht – ein Schauspiel, das jährlich Tausende von Besuchern aus aller Welt anlockt; eine ganze Erlebnis-Industrie hat sich dort entwickelt mit Abenteuer-Sportarten wie Rafting, Bungee-Jumping oder Rundflügen aller Art. Seit im Februar 1990 ein schwedischer Tourist dort zu Tode stürzte, entstand zudem ein ganzes Netzwerk an Wegen und Geländern.

Doch wo sich einst Touristen aus aller Welt drängten, herrscht nun gähnende Leere. Dabei brachten die tropischen Wirbelstürme der Saison ergiebige Regenfälle, die selbst in trockenen Nachbarländern wie Namibia die Wüste zum Blühen brachte. In Südafrika sorgten tagelange Niederschläge nicht nur im Touristenparadies Krüger-Nationalpark für über die Ufer tretende Flüsse, überschwemmte Brücken und Camps.