Ein schönes Miteinander

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 02. Juli 2019

Klassik

Gemeinschaftskonzert der beiden Musikhochschulchöre aus St. Petersburg und Freiburg.

Ludwig Holtmeier hat Recht. Vor dem Hintergrund des Leids und der Wunden, die Nazi-Deutschland der sowjetischen Bevölkerung zufügte, sagt der Rektor der Freiburger Musikhochschule, sei es noch immer etwas Besonderes, wenn russische und deutsche Musiker zusammenwirken. Schon vor diesem Hintergrund ist der von Frank Markowitsch initiierte und mit großem Engagement vorangetriebene deutsch-russische Dialog der beiden Hochschulchöre aus St. Petersburg und Freiburg ein Ereignis. Zumal der von dem Freiburger Professor für Chor- und Orchesterdirigieren geleitete Europa-Chor, ein internationales Projektensemble, als dritte Kraft im Bunde schon mit seinem Namen das Verbindende hervorkehrt. Keine Selbstverständlichkeit in diesen Zeiten eines latent aufkeimenden Nationalismus und Revanchismus.

Keine Selbstverständlichkeit ist vielleicht auch, dass beim ausverkauften Abschlussabend in Freiburg, dem in der ersten Jahreshälfte Konzerte in Berlin und St. Petersburg vorausgegangen waren, Kartensuchende trotz brütender Hitze Schlange standen vor dem Wolfgang-Hoffmann-Saal der Musikhochschule. Das Ereignis war es wert. Vor allem das rund hundertköpfige Vokalensemble bot das beste Zeugnis von der völkerverbindenden Kraft dieser einzigen, allen gemeinsamen Sprache Musik. Zumal Markowitsch und seine russischen Kollegen ganz exzellente Einstudierarbeit geleistet haben.

Schon in Johannes Brahms’ Schicksalslied ließ sich ein ausgereifter, ganz runder Gesamtklang bewundern, mit sehr ordentlichen Ergebnissen in der Sprachdeutlichkeit und ganz hervorragenden in Phrasierung und Dynamik. Der so einzigartig tröstende, sonor flutende Brahms’sche Klangduktus, bei dem Transparenz ganz wichtig ist, "schwebt" unter Markowitschs Leitung überzeugend über dem Orchestergewebe. In Robert Schumanns Requiem für Mignon verstärkt sich dieser positive Eindruck; besondere Akzente setzen hier das klangsinnlich zusammenwirkende Solistinnenquartett (Juliane Stolzenbach-Ramos, Franziska Scheinpflug, Joanna Jaworowska, Pascale Jonczyk) und der Bariton Mateo Peñaloza Cecconi. Chorischer Höhepunkt ist, neben dem Rachmaninow-Hymnus als Zugabe, Strawinskys Psalmensinfonie. Glasklar, brillant, pointiert kommen hier die gewollten Schärfen der Musik zur tragen. Hier haben auch die Bläser des Musikhochschulorchesters ihren besten Auftritt, etwa die Flöten und Oboen in der Einleitung zum zweiten Satz. Bei Brahms und Schumann überzeugen vor allem die Streicher, besonders die Violinen mit bestechend schönem, obertonreichem Klang. Das gilt auch für Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia", mit der Anna Castro Grinstein ihr Dirigierexamen bestreitet – mit klarer, federnder Gestik und guten Impulsen. Ein paar mehr Registerproben bei den viel zu rustikalen Holzbläsern hätten dennoch nicht geschadet – Fußnote unter einen Abend, der zeigt, wie einfach es sein könnte mit dem deutsch-russischen Miteinander.