BZ-Interview

Ein Sprachforscher erklärt, warum wir im Badischen das Elsässische verstehen

Joshua Kocher

Von Joshua Kocher

Fr, 22. März 2019 um 19:10 Uhr

Endingen

Fuessball, Biar, Flàmmeküeche: Elsässische Wörter wie diese versteht man im Badischen. Warum das so ist, hat der Freiburger Sprachforscher Peter Auer im Interview mit Joshua Kocher verraten.

BZ: Herr Auer, warum verstehen wir hier in Baden so viel aus dem Elsässischen?
Auer: Das Badische und das Elsässische sind historisch gesehen beides alemannische Dialekte. Es kommt aber immer wieder zu Missverständnissen, wenn die Menschen von hier ins Elsass fahren und davon ausgehen, dass sie im Laden in ihrem badischen Dialekt reden können. Das ist für die Elsässer eine ganz merkwürdige Situation. Sie würden – um bei dem Beispiel zu bleiben – im Laden mit einem Unbekannten niemals Dialekt sprechen, sondern immer Französisch, die Amtssprache. Elsässisch wird, wenn überhaupt, nur im familiären Kontext oder mit Freunden gesprochen.

BZ: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Regionen, gar so etwas wie eine alemannische Identität?
Auer: Der Oberrhein wird heute von Politikern gerne als grenzüberschreitende europäische Region beschrieben. Es gibt aber nur noch ganz wenige Menschen links und rechts des Rheins, die sagen würden: Wir haben eine gemeinsame alemannische Identität. Im Elsass sagen die meisten Leute, sie seien primär Franzosen und dann erst Elsässer – und nicht Alemannen. Zur gleichen Zeit insistieren die Elsässer aber darauf, dass Elsässisch eine völlig eigenständige Sprache ist. Das hat ganz viel mit den politischen Entwicklungen der Kriegs- und Nachkriegszeit zu tun, wo sich die Ideologien in Frankreich und Deutschland stark unterschieden. Viele Deutsche denken, dass Elsässisch ein deutscher Dialekt sei. Für die Elsässer ist das überhaupt nicht so. Das ist eine Identitätssache.

"Zugespitzt könnte man sagen: Im Elsass ändert sich gar nichts"

BZ: Sie haben gemeinsam mit Kollegen aus Straßburg erforscht, wie sich das Alemannische am Oberrhein gewandelt hat. Wie sind Sie vorgegangen?
Auer: Wir haben an verschiedenen Orten an der Rheingrenze Aufnahmen gemacht und Interviews geführt, sowohl auf der elsässischen als auch auf der badischen Seite. Einerseits haben wir untersucht, ob und wie sich die Dialekte verändern. Wir haben die Leute aber auch gefragt, ob sie Kontakt zur anderen Rheinseite haben. Und ob sie glauben, dass man auf der anderen Seite genau so spricht.

BZ: Was haben sie herausgefunden?
Auer: Zugespitzt könnte man sagen: Im Elsass ändert sich gar nichts, der Dialekt bleibt wie er ist. Das Hochdeutsche ist dort nicht mehr relevant als Bezugsgröße. Entsprechend können die Dialektsprecher davon nicht beeinflusst werden. Außerdem deckt Französisch als Amtssprache das ganze öffentliche Leben ab. Das Elsässisch hingegen verschwindet in den kleinen, privaten Rahmen.

"Elsässisch ist nicht sehr sexy"

BZ: Also wird es irgendwann aussterben?
Auer: Die Bedingungen sind jedenfalls sehr viel schlechter als in Südbaden. In vielen Orten am Rhein haben wir bei den Leuten unter 30 niemanden mehr gefunden, den wir hätten interviewen können. Die Zukunftsaussichten sind problematisch. Elsässisch ist nicht sehr sexy.

BZ: Und Badisch?
Auer: In Baden ändern sich die Dialekte sehr stark – wie überall in Deutschland. Hier werden sie massiv vom Hochdeutschen beeinflusst. Die jüngeren Sprecher noch viel mehr als die älteren. Das, was die meisten Leute sprechen, die wir interviewt haben, kann man Regionaldialekt nennen. Das hat mit dem alten ortsspezifischen Dialekt, der sich von dem des Nachbardorfs unterscheidet, nicht mehr viel zu tun. Die Leute sprechen nach wie vor Dialekt, aber er ist ein anderer als noch vor 100 Jahren.

BZ: Und schützt sich so vor dem Aussterben?
Auer: Genau. Das ist seine Überlebensgarantie. Man kann das auch negativ sehen, denn Dialekte sind sind nicht mehr so ausgeprägt wie früher. Aber dafür bleiben sie lebendig.
Mundart-Nacht der Muettersproch Gsellschaft. Samstag, 30. März, 19.30 Uhr, Bürgersaal Endingen. Auf der Bühne: drei Künstler aus dem Elsass und drei aus Südbaden. Karten zehn Euro im Vorverkauf im Verkehrsbüro im Adelshof oder telefonisch unter Tel. 07664/408380. Abendkasse: zwölf Euro.

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