Ein Trio in perfekter Balance

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Di, 29. Oktober 2019

Lörrach

Helmchen, Weithaas, Hecker spielte im Lörracher Burghof Werke von Boulanger, Haydn, Schumann und Mendelssohn.

"Klaviertrio – Eine Frage der Balance": Unter diesem Versprechen lud das Programmheft des Burghofs zum Konzert mit Antje Weithaas (Violine), Marie-Elisabeth Hecker (Violoncello) und Martin Helmchen (Klavier) am Sonntagabend ein. Im Untertitel ist von "Instrumentaler Arbeitsteilung" die Rede, und verbindet man nun dieses Stichwort mit der oben genannten "Balance" ergibt sich bereits eine Kürzestform des zu schreibenden Berichts. Doch die genügt nicht, darum hier mehr: Was die zwei Stunden so faszinierend und spannend machte, war die vollständige Übereinstimmung der Drei in interpretatorischer und das heißt konkret in stilistischer Hinsicht. Und die wurde hörbar in ihrer empfindsam differenzierenden Dynamik, ihrer nuancierten Tonbildung und ihrer wachen textlichen Genauigkeit. Anders gesagt: Das Versprechen der "Balance" wurde gehalten!

Was die "Instrumentale Arbeitsteilung" betrifft, wäre zu sagen, dass das Trio Helmchen, Weithaas, Hecker spieltechnisch unisono auf höchstem Niveau agiert, was es ihm ermöglicht, sich alles zu erlauben. Zum Beispiel ständige Wechsel zwischen fast gewaltsamen, doch nie brutalen Fortissimi als Ausdruck intensiv empfundener Emphase und plötzlichem Sichzurücknehmen in die – romantisch verstanden – nächtliche Stille. Es sind diese Wechsel, die Robert Schumann seiner Musik, zum Beispiel den "Vier Phantasiestücke" einkomponiert hat, und von denen Peter Gülke schreibt: "Er will den Moment der Inspiration, der Epiphanie festhalten" und das geschieht "in hartnäckigen Versuchen, sie zu vergegenwärtigen, zu umkreisen, neu auf sie zukommen". Genau das machten die Drei in ihrer "instrumentalen Arbeitsteilung" präszise und empfindsam hörbar, und spielten diese "Phantasiestücke", 1842 komponiert, 1849 überarbeitet, als Dokument eines nachromantischen Empfindens.

Doch zurück zum Beginn des Abends, zu Marie-Juliette Olga, genannt Lili, Boulangers "D’un matin du printemps", das sie 1917/18 komponierte, und in dem nichts von ihrer Krankheit, einer Bronchopneumonie, zu hören ist, an der die 25-Jährige 1918 starb. Heute ist die Hochbegabte zwar nicht restlos vergessen, doch gespielt wird sie bei uns nicht mehr. Darum Dank an das Trio, dass es an sie erinnerte. Dann das Klaviertrio in C-Dur von 1796, in dem Haydn sich auf der Höhe seiner Kompositionskunst erweist. Was früher bei ihm "Sonaten für Klavier mit Begleitung" (auf dem Cembalo, dann dem Pianoforte zu spielen) waren, ist nun zur "Konzertmusik für ein Publikum" geworden, jetzt auf dem Hammerklavier zu spielen und für die Londoner Musikfreunde gedacht. Was die erwarteten, wusste Haydn und so hat er den Klaviersatz virtuos ausgestaltet, und am Sonntag brillierte Martin Helmchen mit seinem wunderbaren Anschlagsspiel, dem beide Streicherinnen hellwach folgten, und machte dieses C-Dur zum begeisternden Hörerglück. Perfekte Balance!

Sicher wusste Felix Mendelssohn, was Haydn da gemacht hatte, darum hat er sein d-moll Trio, 1839 zwei Jahre vor Schumanns op. 88 komponiert, auch in ein verkapptes Klavierkonzert verwandelt. Wenn Mendelssohn notiert "ma con fuoco", wissen die Musiker, wie ein "Molto allegro ed agitato" und ein "Allegro assai appassionato" zu klingen haben. Am Sonntag erklang diese Musik als virtuoser und zugleich hoch emphatischer Sturm, unterbrochen nur durch sommernächtlichen Geisterspuk, den dann das Finale als rasender Orkan vertrieb. Hinreißend, nein grandios gespielt! Herrlichste Balance! Spontane Bravi! und langer intensiver Schlussbeifall.