Veranstaltung

Eine Lesung über die Absurdität des Alltäglichen

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Di, 07. Juli 2020 um 11:07 Uhr

Merdingen

Der Freiburger Schriftsteller Kai Weyand liest beim Merdinger Kunstforum. Dort zieht man eine positive Zwischenbilanz der Kulturtage.

Kulturhunger oder Corona-Angst? Zu Beginn der 30. Merdinger Kulturtage wussten die Organisatoren noch nicht, was überwiegen würde. In der Halbzeitpause indes fiel die Bilanz überraschend positiv aus. Alle bisherigen Veranstaltungen in der Zehntscheuer waren bestens besucht und verliefen bei bester Laune. Richtig viel los war auch bei der Lesung des Autors Kai Weyand am Sonntagvormittag. Weyand nahm seine Gäste mit in die Gedankenwelt von Karl, dem Protagonisten seines jüngsten Romans "Die Entdeckung der Fliehkraft".

Große Disziplin und viele Gäste: So fasste die Vorsitzende des Kunstforums, Michaela Giersch, erfreut zusammen, was man seit Eröffnung der Merdinger Kulturtage am 21. Juni erlebt hatte. Der kleine aber feine Kunstverein hatte sich gut auf das Coronavirus und die damit verbundenen Sicherheitsvorkehrungen eingestellt – eine Mühe, die sich auszahlen sollte. Es gab Online-Voranmeldungen zu den Veranstaltungen, Mundschutzpflicht beim Betreten der Zehntscheuer und drinnen sorgfältig auf Abstand gestellte Stuhlgruppen. Der bisherige Lohn: die laufend gut besuchte Dauerausstellung des Skulpteurs Unen Enkh, zwei Konzerte mit großer Publikumsresonanz und die ebenfalls ausgezeichnet besuchte Matinee mit Schriftsteller Kai Weyand.

Dieser, so Kunstforums-Literaturwart Andreas Kirchgäßner in seiner Begrüßung, sei in Merdingen kein Unbekannter. Bereits zum vierten Male sei Weyand zu Gast beim Kunstforum. Die Themen seiner vier bisher erschienenen Bücher seien zumeist von seinen Nebentätigkeiten inspiriert, wusste Kirchgäßner über Weyands Oeuvre. So hatte der 1968 geborene Autor und Absolvent der Pädagogischen Hochschule Freiburg etwa in einem Bestattungsinstitut, aber auch als Lehrer in einer Haftanstalt gearbeitet. "Es ist sein genauer Umgang mit Sprache, der das Alltägliche ins Absurde verzerrt", umriss Kirchgäßner das aus seiner Sicht Charakteristische am Schaffen Weyands.

"Die Tätigkeit im Bestattungsinstitut hat mich nicht nur finanziell, sondern auch literarisch gerettet", bestätigte Weyand Kirchgäßners Aussage, war er vor seinem vorletzten Roman "Applaus für Bronikowski" doch in einer mehrjährigen Schreibblockade verhaftet gewesen, welche erst das Bestattungswesen wieder hatte durchbrechen können. Heuer allerdings nahm Weyand die Besucher der Zehntscheuer nicht mit auf den Friedhof, sondern in den Knast. Dort nämlich unterrichtet, wie weiland Weyand, die Hauptfigur seines 2019 erschienenen Buches "Die Entdeckung der Fliehkraft", aus welchem Weyand las. Den Einstieg machte der Autor mit Szenen einer einigermaßen angeschlagenen Ehe, der von Karl und Lydia. Diese scheint soweit heruntergekommen, dass Karl selbst das Klappern, das Lydia beim Ausräumen der Spülmaschine verursacht, während er noch sinnierend im Bette liegt, wie Geräusch gewordene Vorwürfe vorkommt.

Reise durch Gedankenwelt eines Mittdreißigers

Auf dem Weg zur Arbeit im Gefängnis begegnet Hauptfigur Karl zunächst Homer, dem außergewöhnlichen Nachbarsjungen, dessen scheinbar absurde Gedankenwelt Karl kurzfristig näher zu sein scheint, als das eigene Denken und vor allem der ganz reale Wahnsinn aus voluminösen SUVs und in offenbar sämtlichen Gärten wuchernden Kindertrampolinen, die den grübelnden Gefängnispädagogen eher an Gefängnisse als an Spielgeräte erinnern. Bevor Weyand die Zuhörer mit in Ersteres nimmt, lässt er seinem Protagonisten noch Zeit für eine Kaffeepause und erste zarte WhatsApp-Bande mit einer alten Bekannten – Karoline.

Klar, dass Karl und Karoline sich wieder begegnen werden. Klar scheint es ebenfalls, dass es im Gefängnis nicht ganz einfach ist, den Insassen den Sinn der Lektüre etwa von Schillers Ballade "Der Handschuh" näher zu bringen. "Lehrer sind Menschen, die sich mit sehr wenig zufriedengeben. Pädagogik ist, das Licht im Allerkleinsten zu sehen", nehmen Protagonist Karl wie wohl auch Autor Kai Weyand als Lehren mit aus dem Gefängnis in die vermeintliche Freiheit. Weyands Roman ist weit mehr als eine Schilderung von Alltagserlebnissen. Vielmehr liefert der Autor eine verbale Reise durch die Gedankenwelt eines sich zumindest in Teilen seines Lebensweges nicht mehr sicheren Mittdreißigers.

Fragen an den Autor stellten im Anschluss an die Lesung die Zuhörer: Ob die Stadt F. denn Freiburg sei und wie viel Kai in Karl stecke? "Die Figuren, über die man schreibt, müssen im Innersten gereift und gewachsen sein", so Weyand sibyllinisch. Als "zu brachial" empfand eine Dame den Schluss des Buches, das sie im Vorfeld der Lesung gelesen hatte. "Ich finde den Schluss außerordentlich gelungen", fand indes Kai Weyand.