Panorama

Eine Spanierin wurde nach der Geburt vertauscht und erlebte deshalb viel Unglück

Martin Dahms

Von Martin Dahms

Mi, 08. September 2021 um 20:30 Uhr

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Eine 19-jährige Frau kämpft in Spanien derzeit um ihre Identität – und um eine hohe Schadensersatzsumme. Sie wurde nach ihrer Geburt in der Klinik mit einem anderen Kind vertauscht.

. Im Kino ist es meistens lustig – etwa in der brillanten Komödie "Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss" von 1988. Doch wenn es in Wirklichkeit geschieht, gibt es nichts zu lachen. In der Klinik mit einem anderen Säugling vertauscht zu werden, bedeutet für die Betroffenen "einen unermesslichen immateriellen Schaden", sagt der Anwalt José Sáez Morga aus der nordspanischen Stadt Logroño. Einer Klientin von ihm ist genau das vor 19 Jahren geschehen. Jetzt fordert sie Schadenersatz.

Logroño ist die Hauptstadt der Weinbauregion La Rioja, und in einer dortigen Klinik, die es mittlerweile nicht mehr gibt, kam das Mädchen María im Jahr 2002 als Frühchen zur Welt. Den Namen hat ihr die Lokalzeitung La Rioja gegeben. Die 19-Jährige will anonym bleiben. Die wenigen bekannten Einzelheiten der Geschichte hat ihr Anwalt erzählt.

Am selben Tag wie María, fünf Stunden früher, war in derselben Klinik ein anderes Mädchen zur Welt gekommen, das noch 20 Gramm weniger wog als María und deswegen ebenso wie diese gleich nach der Geburt in einen Brutkasten gelegt wurde. Als beide Mädchen genügend aufgepäppelt waren, wurden sie ihren Müttern übergeben. Den falschen. Niemand erkannte die Verwechslung.

Ein DNA-Test brachte die Verwechslung ans Licht

María hatte kein Glück mit ihren neuen Eltern. Als sie ein Jahr alt war, kam sie zur Großmutter, der Mutter der falschen Mutter, weil die Eltern zu einer ordentlichen Erziehung nicht in der Lage waren. Mit 15 erfuhr María durch eine DNA-Untersuchung im Rahmen eines Unterhaltsprozesses, dass sie nicht die leibliche Tochter des Paares ist, das sie für ihre Eltern hielt. Zur allgemeinen Überraschung waren weder Vater noch Mutter mit ihr verwandt.

Juristische und bürokratische Hürden mussten genommen werden, bis María ihrer eigenen Geschichte schließlich auf den Grund kam. Als sie endlich erfuhr, wer ihr Vater und wer ihre Mutter waren, war die Mutter gerade gestorben. María lebt noch immer bei der Großmutter, die nicht ihre Großmutter ist.

Ihr Anwalt fordert vom öffentlichen Gesundheitssystem der Region La Rioja nun gut 3 Millionen Euro Schadensersatz für seine Mandatin. Er glaubt an keine vorsätzliche Verwechslung, sondern an eine aus Unachtsamkeit. Das Gegengebot der Behörden liegt bei 215 000 Euro.

Der Reporter von La Rioja, der die Geschichte auftat, sprach mit einer Kinderschwester, die vor 19 Jahren in der Klinik von Logroño arbeitete. Die ratlose Frau konnte das Unglück Marías kaum fassen. "Es ist fast unmöglich, dass so etwas passiert", sagte sie. Und die Gesundheitsministerin von La Rioja beteuert: "Wir können garantieren, dass sich eine solche Situation nicht wieder ergeben wird." Heute bekommen nicht nur die Säuglinge ein Armband ums Handgelenk, sondern auch die Mütter – mit identischem Code.

Geschichten wie diese geschehen selten in Europa, aber sie geschehen. In Deutschland bekanntermaßen zuletzt in Saarlouis im Jahr 2007. Damals klärte sich die Verwechslung nach einem halben Jahr auf. Eine der Mütter, Jeannine Klos, schrieb über ihre Erfahrung ein Buch: "Übermorgen Sonnenschein". Für María wird die Sonne so bald nicht wieder scheinen.