Paketabgabe

Eine Steuer wird allenfalls den kleinen Onlinehändlern schaden

Martin Wehrle

Von Martin Wehrle (Lahr)

Sa, 02. Januar 2021

Leserbriefe

Zu: "Ein guter Vorschlag", Tagesspiegel von Wolfgang Mulke (Politik, 21. Dezember)

Ich denke, man muss das Problem viel weiter greifen. Das Sterben von kleinen Läden ist schon seit 40 bis 50 Jahren ein durchgängiger, roter Faden. Auch ohne Internet und Amazon.

Wer vom Land kommt, weiß, dass in den letzten 40 Jahren das ganze Geschäft eben genau in diese Innenstädte abgeflossen ist. Das Geschäft der Dorfläden ist ins nächst größere Städtle gegangen. Das Geschäft des Städtles in die großen Innenstädte der Großstädte. Das ist der Mobilität geschuldet. Und der vorhandenen Infrastruktur. Mit eben der Verwerfung, dass es um diese größeren Zentren kaum mehr Einkaufsinfrastruktur gibt, exorbitante Innenstadtmieten gezahlt werden und die Randlage verödet. Das hatte bislang nichts mit Onlinehandel zu tun.

Hat irgendjemand mal ernsthaft eine Supermarkt-, Fachmarkt- oder Filialkettensteuer gefordert? Man kann dem Rollstuhlfahrer eben nicht helfen, indem man den Marathon-Läufer besteuert oder ihm Gewichte ans Bein bindet. Der Onlinehandel besteht aber nicht nur aus Amazon, Ebay und Otto. Hinter diesen Marktplätzen stehen fast unsichtbar Zehntausende kleiner Onlinehändler, die sich nicht selten aus einem stationären Fachgeschäft in Randlage entwickelt haben. Sie bieten auch gute Arbeitsplätze. Und ob man den Arbeitsplatz des Paketboten gegen den der Douglas-, Deichmann- oder H&M-Verkäuferin in der autoverstopften und überrannten Innenstadt abwerten kann, bleibt auch fraglich.

Der Online-Handel ist grenzenlos. Kleine und größere Onlinehändler konkurrieren mit Kollegen in Italien, Polen und China, wo die Geschäftsmodelle nicht immer klar sind. Eine Steuer wird allenfalls kleinen Onlinehändlern schaden, die optisch nur nicht so präsent sind. Eine Paketsteuer wird der vermeintlich heilen und polierten Welt der Innenstadt jedoch kaum helfen. So wie sie nicht den Dorfladen zurückbringt. Martin Wehrle, Lahr